(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Zur Frage der Psychologischen Grundlagen und des Ursprungs der Religion"

!P*!^^>*I^ 




ZUR FRAGE DER PSYCHOLOGISCHEN 
GRUNDLAGEN UND DES URSPRUNGS 

DER RELIGION 



BEITRAG ZUM SySTEM DER 
PSyCHOANALyTISCHEN SOZIOLOGIE 

VON 

DR JOHANN KINKEL 

ORD. DOZENTEN AN DER UNlVEBSiTAT SOFIA, MITGLIED 
DBS SOSIOLOGISCHRN INSTITUTS SOLVAV IN BHÜSSFX 



ERWEITERTER SONDERADDRUCK AUS .IMAGO^, VIIL BAND (1922) 



' SUR LA aUESTION DES FONDEMENTS 
PSyCHOLOGiaUES ET DE L'ORIGINE 

DE LA RELIGION 



INTRODUCTION DANS LE SySTEME 
DE LA SOCIOLOGIE PSyCHOANALyTIQUE 

PAR 

0OCTEUR JEAN KINKEL 

PROFESSEUR Ä L'UNlVERSITli Ä SOFIA (BULGAliJE) 
MEMHRE DE L'INSTITUT DF SOCIOLOGIE SOLVAY Ä BRUXELLES 



IMPRESSION S^PARE DE LA REVUE ^IMAGO^ (VANNEE VW. 1922) 



INTERNATIONALER PSyCHOANALyTISCHER VERLAG 

LHIPEIG - WIEN - ZÜRICH - LONDON 



über die Ergebnisse der psychoajialyiisckeit Forschung 
informieren fortlaufend unsere beiden Zettsc/irifien: 

IMAGO 

Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geistes Wissenschaften 

Herausgegeben von Prof. Dr, Sigm. Freud 
Redigiert von Dr. Otto Rank und Dr. Hanns Sachs 
4 Hefte Jährlich im üesam tum Fang von mindestens 32 BoBen 



und 



INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT 
FÜR PSYCHOANALYSE 

Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Herausgegeben von Prof. D.. Sigm. Freud 

Unter Mitwirkung von Dr. Karl Abraham (Berlin), Dr. Jan van Emden 

<Haag>, Dr, S. Ferencsi (Budapest), Dr. E. Hitschmann (Wien), 

Dr. Ernest. Jones <LondQn) und Dr. Emil OberhoUer (Zürich), 

redigiert von Dr. Otto Rank (Wien) 

4 Hcfie jährlich im Gesammmfang von mindestens 32 Bogen 



In aer»]MAGO* erschienen bisher u.a. folgende Beiträge aus dem Gebiete der 



ReligionSwi 

der Völkerpsy chologi 

Abraham: Der Versöbnungsrag 
Andreas- Salonie: Von frühem 

Gottesdienst 
Berny; Zur Hypoitiese des sexuellen 

Ursprungs der Sprache 
Eisler: Der Fisch als Sexualsymhol 
Felsieghy: Panik und Pankomplex 
Frcud: Einige Übereinstimmungen 

im Seelenleben der Wilden und 

der Neurotikcr 
Jones: Die Bedeutung des Sakes in 

Sitte und Brauch der Völker 
Kelsen: Der Begriff des Staates und 

die So^ialpsyciioiogie 
Kolnai: tijber das Mystische 
Levi; Die Kastration in der Bibel 
~ Sexualsymbolik in der biblischen 

Paradiesgcschichte 

— Ist das Kainszeichen die Be- 
schneidung? 

Lorenz; Der politische Mythus 

— Das Titanen niotiv in der ailgc= 
meinen Mythologie 



SS en schaff 

e und der Soziologie; 

Mü[ler=Braunschweig: Psycho= 
analytische Gesichtspunkte zur 
Psychogenese der Mo""^!/ insbe- 
sondere des moralischen Aktes 

Pfistcr: Die Entwicklung des Apo^ 
stels Paulus 

— Anwendungen der Psychoanalyse 
in der Pädagogik und Seelsorge 

Rank; Die Nacktheit in Sage und 

Dichtung 
Rcik: Das Kainszeichen 

— Die Couvade und die Psycho= 
genese der Vergeltuiigsfurchl. 

— Üdipus und die Sphinx. 
Röheim: Zur Psychologie der Bun- 
desriten 

Schröder: Der sexuelle Anteil an 
der Theologie der Mormonen 

Silberer: Über Märchensymholik 

Sperber; Über den Einfluß sexueller 
Momente auf Entstehung und 
Entwicklung der Sprache 

Wölk: DasTri-theon der alten Inder 



INTERNATIONALER PS yCJH O AN ALy TISCHER VERLAG 
LEIPZIG, Hospiialslraße 10 WIEN VII, Andreasgasse 3 



i.'V 



I; 



Carl Fromme, U. ni. b, H„ Wien V. 





ZUR FRAGE DER PSYCHOLOGISCHEN 
GRUNDLAGEN UND DES URSPRUNGS 

DER RELIGION 



1 



BEITRAG ZUM SySTEM DER 
PSyCHOANALyTISCHEN SOZIOLOGIE 



VON 



DR- JOHANN KINKEL 

ORD. DOZENTEN AN DER UNIVEHSITATSOFLA, MITGLIED 
DES SOZIOLOGISCHEN INSTITUTS SOLVAy IN BRÜSSEL 



ERWEITERTER SONDERABDRUCK AUS ylMAGO', ZEITSCHRIFT 

FÜR ANWENDUNG DER PSYCHOANALYSE AUF DIE 

GEISTESWISSENSCHAFTEN, VIII. BAND (1922) 




INTERNATIONALER PSyCHOANALyTI S CHER VERLAG 
LEIPZIG - WIEN - ZÜRICH 



i 






I ;. 




INTERNATIONAL 
PSYCHOANALYTIC 
UNIVERSITY ^ 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



. ..5 ;, 



■rf^ 



MEINEN FREUNDEN 

DEM BEGRÜNDER 
DER PSYCHOLOGISCHEN GESELLSCHAFT ZU SOF]A 

D«- NICOLAUS KRSTNIKOFF 
Spezialarzt für Nerven= und Geisteskrankheiten 

und 
DEN ERSTEN MITGLIEDERN DER GESELLSCHAFT 

.; - . D«- NIKOLAUS POPOFF 

'''''^'- *. ■ titui, Professor der Psydiiatn'e und Neurologie 

f-^' langjähriger Direlitor der Psydiiatr, Klinik zu Odessa 

D^- SP. KASANDJIEFF 
Dozent für Psycfiologie 

... MLADEN NIKOLOFF 
Doktor der Psydiologie 

MICHAEL DIMITROFF 

Assistent b, d. Katheder für Psydiologie 



!■ '• 



DIMITR BOTSCHAROFF 
Rechtsanwalt und Alt ^Staatsanwalt 

NIKOLO DOLAPTSCHIEFF 

Assistenzarzt 



J 






l".- 



A:i-^/: .'i- ■- ■ n 



f 1 ■ 



rj/ 



.-d" 



1. . . : ; 3- -T't". »■- 



I. 



Dieser Vortrag ' bildet einen skizzierten Teil der von mir ge- 
planten Arbeit - ^Die psydiologisdien Grundlagen und der 
Ursprung der Religion« — in der idi, wenn es meine 
Kräfte und meine Zeit erlauben sollten, versucfieii will, die Prinzi» 
pien der psyrfioanalytisdien Lehre bei der Darstellung der gesamten 
Entwicklung der religiösen Vorstellungen und Stimmungen anzu- 
wenden. 

Die g ewaltige Entwidtlun g der Psydiologie in^ den letzten 
zwanzig jaliren hat bereits bewiesen, daß diese GrundwissensäafT 
EüFGrundfiige bei der Forschung aller sozialen Ersdieinungen 
werden soll und daß s ie es vermag , uns aucb diejenigen Geheim« 
nisse im GesellschaFtsleben und seinem Fortschritt wie auch in den 
von der Menschheit erlebten Stimmungen zu erklären, die bis jetzt 
mit Hilfe der alten Methoden in den Sozialwissensthaften nichl be=' 
griffen werden konnten. Damit eröffnen sich uns weite Aussichten 
zur Orientierung in den Sozialwissenschaften und besonders in der 
Soziologic mit einer neuen psychologischen Methode, ohne daß 
damit die Richtigkeit der alten anerkannten Methoden in Frage ge-= 
stellt werden soll. Nun breitet sich aber in der Psychologie, sowohl 
der individuellen als auA der sozialen, die psychoanalytische 
Schule immer weiter aus, ihr ist es gelungen, eine ganze Reihe 
von Problemen in der Seele des MensÄen und der Gesellschaft zu 
lösen, die bis dahin für die Wissenschaft völlig im Dunkeln lagen, 
"**Somit bietet uns die psychoanalytische Lehre die besten Aussichten, 
mit ihfer~Hilfe ein neues System der Soziologie aufzubauen, das 
vom psychologischen Gesichtspunkt den Ursprung und die EntfaU 



< 



> Vortrag, gehalten am 25. März 1921 in der Psydiologisdien Gesellsdiaft 
zu Soüa. <Über!iei:uiig aus dem Bul^arisdieii.) 



i- 



Dr. Johann Kinkel 



/ 



/ 



I 



tung sozialer Institutionen und der großen Stimmungen im kultu- 
rellen Leben der Menschheit - wie der Religion, der Ethik des 
Kedites und der Kunst - betraditen soll. 

Die Naturwissensdiaften haben sd,on seit langem das so^e= 
nannte biogenetisrf,e Grundgesetz derEntwid^Iung feststellen können 
und seme Gültigkeit in den versdiiedensten Gebieten der Biologie 
nadigewiesen. Es ist das Gesetz der Übereinstimmung der Onto- 
genese mit der Phylogenese in seiner Anwendung .uf die Biologie 
des Menschen, dahinlautend, daß die Entwiddungsgesdiidito des L 
dmduums eine abgekürzte Wiederholung degenigen der Gattung 
.st._ M,t anderen Worten, man konnte überhaupt feststel/en, daß 
diejenigen Gesetze, die die allgemeinsten ErsAeinungen des Lebens 
beherrsdien, notwendig zugleidi mit den durdi die spezielle Natur 
der Gebiete bedingten Modifikationen audi Gesetze dieser einzelnen 
Gebiete sind^ Ganz besonders ist es dem großen NaturforsAer 
unserer Ze,t,ErnstHaecke/, gelungen, dem biegen etisdien Grund^ 
gesetz eine weitere Begriffsbildung zu geben, d. h. ihm auA eine 
kausale Bedeutung in dem Sinne beizulegen, daß in der Entwidm- 
ung der Gattung die entsdieidende Ursadie für die Aufeinander^ 
folge der Entwiddungszustände des Einzelwesens gegeben ist Be^ 
traditen wirdas biogenetisdie Grundgesetz speziell in seiner Fassung 
gegenüber der Physiologie des Mensdien und seiner Entwiddung, 
so lautet es, daß der mensdilidie Organismus in dem Uterus der 
Mutter dieselben Formen der Entwiddung durddäuft wie die ' 
ganze organisdie, respektive Tierwelt - von der ersten For- 
mation, die der Amöbe gleid^t, bis zur letzten, dem komplizierten 
Organismus der Wirbeltiere, und dann weiter zur AusbildLing 
der Besonderheiten des Mensdienorganismus. D, h. die Naturwissen. 
Schäften stellten fest, daß ein Paradeiis in us besteht zwisdien der 
Entwiddung einer hödisten Art <species> und derjenigen einer 
ganzen Reihe niederer Arten, woraus sidi die Formel ergibt: 
Die höhere Art wiederholt in ihrer Entwicklung die 
Formen und die Stufen der Entwicklung niederer Arten 
<species). 

u f ^"^" J?' "^'f Soziologie ihrerseits erst vor kurzem begonnen, 
ebenfalls dieTatsadie eines gleidienParallelismus festzuste!len,nämnA 
zwisdien der geistigen Entwidlung und dem Sdiaffen der Natur- 
volker und denjenigen des modernen Kufturm ensdien im Kindes- 
alter in der ersten vernünftig-bewußten Geistesstufe. Das waren 



Zur Fra^^ der psy^diologisdten Grundlagen und des Ursprungs der Religion 3 



allerdings meistens zufällige, nicht systematisdie Bemerkungen, die auf 
keiner streng durdige führten Methode beruhten. Auf Grund um= 
fangreidipr anthropologisdier Forschungen über das Leben und die 
Kultur der Naturvölker, die am Ende des neunzehnten Jahrhunderts 
vorlagen, haben einige Soziologen von der organologischen Sdiule ^ 
und dann Lippert bemerkt, daß das geistige Sciiaffen imd zum l 
Teil audi die moralisdien Bigensdiafren der Naturvölker lebhaft an '; 
diejenigen der Kinder bei den modernen Kulturvölkern erinnern. | 
Diese Äußerungen legten den Grund zu dem Gedanken, daß das 
biogenetische Grundgesetz der Entwicitlung seine Gültigkeit auch in 
der Sozialpsydiologie bewahre, und hier lautet seine Formel dahin, 
daß die Völker, respektive überhaupt die Mcnsdiheit in ihrer 
geistigen und gesellschaftlichen Entwidclung diejenige des EinzeU 
menschen wiederhole, welche er nodi heute durchläuft. Mit anderen 
Worten — der Parallelismus besteht audi auf sozialem Gebiete 
zwisdien der geistigen Entwidilung, dem Schaffen und den ethisdien 
Äußerungen der Völker und solchen jedwedes Individuums, eines 
jeden von uns in seiner geistigen und moralisdien Entfaltung. 
D, h. ein Paralielismus, ja eine volle Übereinstimmung besteht in 
den Formen und Stufen der geistigen Entwicklung bei der Gesell" 
sdiaft <höhere Art) und dem Einzelmensdien, den Einzelindividuen 
(niedere Art). 

Ich glaube, daß das biogenetische Grundgesetz in der Sozio» y 
logie zunädist rein Iogisch=abstrakt begründet werden kann. Wenn / 
nämitdi die Gesellsdiaft bloß einen Zusammenhang von Einzelindi= ', 
viduen darstellt, so müssen offenbar dieselben Entwiddungsgcsetze, 
respektive Geistes formen, die wir bei dem Einzelmensdien in ; 
versdiiedenen Zeiten seines Lebens antreffen, audi für die GeselU 
sdiaft in ihrer historisdien Entwidmung maßgebend sein. Das bleibt j 
gewiß lediglidi eine aprioristische Erwägung. Im folgenden wollen | 
wir die Gültigkeit des erwähnten Gesetzes in der Soziologie • 
mit konkretem individuaUpsydiologisdieii und sozial^psydiologisdien | 
Material, nadi der konsequent vergleichenden Methode geordnet, 
nadiweiscn, -« 

Ein großes Verdienst erwarb sich bei Erforschung der Indi* 
vidualpsychologle und aller ihrer Geheimnisse, die bis dahin von 
der alten Psydiologie nicht begriffen werden konnten <das Gebiet 
desUn= und Unterbewußten in der mensdilichen Seele), die moderne 
psydioanaly tische Sdiule, begründet von Freud und Breuer. Sie 

i* 



^ 



Dr. Johann Kinkel 



y 



war es, die uns die Erstfieinung des Infantilismus in der 
mensdilidien Psydie vielseitig dargestellt und erläutert hat. Durdi 
diese Lehre wissen wir, weldie die besonderen Züge sind, die 
die infantile (kindliche) Seele des Mensdien in versdiiedenen Lebens= 
\ altern diarakterisieren und wie ganz besonders die patliologisdie 
j Fortsetzung dieser Züge in den Tiefen des Seeleniebens auch bei 
dem erwadisenen Mensdien starke Konflikte in seinem Leben be= 
gründet und fördert, die ihrerseits zur Ursache und Triebfeder für 
sexuelle Perversitäten, moralisdie Fehler und Abirrungen, für Ver- 
brechen, eventuell besondere Charaktereigensdiaften, und im äußer- 
sten Fall für Neurosen und Irrsinn werden. 

Wird man nun parallel audi von dem Infantilismus in der 
Sozialpsydiologie reden dürfen? Gibt es ebenfalls spezifisdie Züge, 
die die Psydie der Gesellsdiaft, der Völker, der Mensdiheit in der 
infantilen Periode ihrer geistigen Entwid^lung diarakterisieren? Und 
ferner; entspredicn denn soldie Züge in ihrem Wesen denjenigen 
typisdien Zügen, die wir bei dem Kinde in versdiiedenen Perioden 
seiner geistigen Entwidtlung antreffen? - Die Aufgabe der folgen- 
den Ausführungen wird es sein, eben diese Fragen bejahend zu 
beantworten, 

Die Forsdier der kindlidien Psydiologie in der ersten Perlode 
der Bildung und der Entwidlung des Verstandes, respektive des 
bewußten Verhaltens zur äußeren Welt beim Kinde <vom dritten 
bis zum aditen Lebensjahr durchschnittlidi) charakterisieren dieselbe 
mit dem Stidiwort Symbolismus. In den Vorstellungen betreffend 
die Außenwelt, die Naturerscheinungen und -kräfte, die mensdi'» 
lidien Beziehungen, weldie das Kind zu begreifen vermag, bedient 
es sidi symbolisdier Gestalten und Bilder, die aus seinem Leben 
und seiner Umgebung entnommen sind. Somit lauten z. B. die 
astronomisdien Vorstellungen des Kindes oft, daß die Sonne - 
der Vater, der Mond - die Mutter und die Sterne ihre Kinder 
seien. Der Blitz ist das Feuer, weldies der liebe alte Gott sdilägt, 
um seine Pfeife anzuzünden, und der Donner ist eben das Anstoßen 
zweier gewaltigen Steine, die Gott anschlägt, um das Feuer zu ge= 
winnen. In den Kindermärchen über die Tierwelt, die von Kindern 
selbst oder audi von Erwadisenen in Anpassung an die Kinder« 
psydiologie ersonnen sind, findet man wieder den typisdien infan" 
tilen Symbolismus, wobei die Tiere und Naturkräfte Symbole der 
■ kindlidien Vorstellungen, Ideale, Sympathien und Abneigungen dar- 



- --i»i_ 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 5 

Stellen, die das Kind sidi in seinem Leben bildet». Die Märdien 
von der guten Fee mit dem wundersAönen und freundlichen Ge" 
sldit und dem langen Kleid geben die symbolisierte Gestalt der 
liebevollen Mutter wieder. Alle Gestalten und Bilder des s(bredt= 
jidien Riesen, der das Kind in Angst oder Ehrfurcht versetzt und 
si(h durdi seine schrcdtlidie Kraft bald in guter, bald in böser Ridi-^ 
tung auszeidinet, geben die Gestalt und das Symbol des Vaters 
wieder, der für die kindlidie Einbildung unbegreiflidi und erstaun^ 
lidi ist und zum Teil Ihm fremd bleibt, im Gegensatz zur Mutter, 
die dem Kinde nahesteht. Denselben Symbolismus treffen wir 
in den einfadisten Spielen des Kindes an, die uns mandimal un- 
sinnig ersd\einen - stets findet sidi dort irgend ein Symbol, das 
bald die Beziehungen der Eltern zu den Kindern, bald irgendweldie 
dem Kinde unbegreiflidie Ersdieinungen ausdrückt. Ebenso verhält 
es sidi mit den mannigfaltigsten Vorstellungen beim Kinde, sogar 
in der Arithmetik: 1 - das ist eine Säule/ 2 - ein Mensch mit 
einem didien Kopfe, 4 - eine Sdiaditcl/ 6 - eine Frau, die mit 
einem Kinde auf den Knieen sitzt/ 8 - ist eine didte Frau mit 
dem Mieder usw. Es ist bekannt, daß die Kinder mandimal ganze 
Worte erfinden, die einige besondere kindliche Vorstellungen sym= 
bolisieren, die für die Erwachsenen ganz unbegreiflich sind. Von 
diesem Symbolismus in der kindlidien PsyAik stammt auch der be- 
sondere Drang des Kindes, seinen Nädisten oder Lehrern Spott- 
namen zu verleihen, die nämlidi Symbole gewisser zwingender Vor- 
Stellungen in Zusammenhang mit der betreffenden Person beim 

Kinde sind, 

Denselben Symbolismus finden wir nun audi in der ganzen 
Psydiologie und besonders in den religiösen Vorstellungen der 
Naturvölker, Die primitiven Formen der Sprache und der Wort- 
bildung sind, wie uns die Philologie nadiweist, gewisse symbolisierte 
Vorstellungen von verschiedenen Gegenständen. So ergibt z, B. das 
russisth-bulgarisdie Wort »Bik«, »Byk«, altdeutsdi »Bulle«, latei- 
nisdi bovis, altgriediisdi ^ovi, im Zusammenhang der Silben den 

1 Von dieser besonderen symbolisdi-phantastisdien Psyche des Kindes 
stammt dessen besondere Neigung, Märdien zu lesen und sich erzähkn zu lassen 
(besonders nadits), indem das Kind in die versdiiedeiien Gestalten, die dort 
2iim Vorsdiein kommen, symbolisch das eigene »Idi« hineinlegt. GewöhnÜdi 
wählen die Kinder selbst und haben es gerne, siA wiederholt solche Märchen er- 
zählen zu lassen, die gewisse persönliche eindrudtsvolle Erlebnisse oder Ereignisse 
aus ihrem eigenen Leben symbolisdi darstellen können oder sie wenigstens an» 
nähernd daran erinnern, '- "' ■ ., ■ ,. - ■ 



* 



Dr, Johann Kinkel 



X 



Laut den dieses Tier ausstößt und deshalb habet, die ungetrennten 
primitiven arisAen Stämme in diesem Laut »bu« sytnbolisrfi die 
Vorstellung des Odisen wiedergegeben. Jeder, der auch nur ober= 
flädilidi mit der altägyptisdien, assyrisdien oder altdiinesisAen 
Sprache und Sdinft vertraut ist, wird sidi erinnern, daß die Worte 
und Sd,riftzeidien dort stets gewisse Vorstellungen symbohsieren. 
bin Fmanzbeamter, der die Steuern einsammelt, wird dargestellt 
als Huhn, das Samenkörner aufpidit, der Begriff der Kraft und 
MaAt wird dargestellt als Pharao, auf dem Throne sitzend,- die 
bonne die einen Menschen besdieint, bedeutet Gnade, Glüd, Gewinn 
Vorte.1 usw., mit anderen Worten - das gesamte Alphabet mit 
semen versdiiedenen Eeidien ist eine Sammlung versd>icdenster Sym= 
bole. Ebenso steifen die Werke der Kunst bald das eine, bald das 
andere Symbol aus dem Leben der Tiere oder des Mensdien dar, 
oder aud, symbolisdi in Tiergesfalten die Eigensdiaften der Tiere 
und Menschen <Sdilauheit, Kraft), respektive es werden versAie. 
_ dene widitige Ereignisse im Leben des Mensdien symbolisd, wieder= 
' gegeben. Eme besondere Rolle spielen hier die sogenannten Amulette 
oder geheimnisvollen Gegenstände, die der Wilde bei sidi trägt die 
gewisse wohltätige Naturkräfte, welche ihm zugetan sind, symbo- 
l'sieren, wie anderseits die Tabus oder Gegenstände, deren Be- 
rührung unter Todesstrafe verboten ist, böse und tüAisdie Natur- 
krafte symbolisieren. Besonders drastisdi erscheint aber die sym= 
bolisdie Psydiologie der Naturvölker in ihren religiösen, kosmo- 
■ gonisdien und physiologisdien Vorstellungen . Es ist widitig, zunädist 
festzustellen, daH die ersten Universalgottheiten, die na* der 
t^eriode des ganz primitiven Totemismus und Fetisdiismus entstehen 
<m_d.ex-s^ih nur besAränkte Lokalgottheiten und Geister, respek- 
t.ve Symbole der 'Stäm-m= oder Gesdifeaiterahnen finden), offen- 
bar verhüllte Symbole des Elternpaares sind, die die infantile 
Kehgionspsydiologie und =philosophie des Naturmensdien auf das 
Un.versum projiziert. Die verhtillte Vatergestait tritt ziemliA 
deuthA m der Gestalt des Uranos <Himtnel) hervor, der, wie jetzt 
feststeht, die universale Urgottheit aller altorientalisdien Völker 
gewesen .st (besonders ausgebildet bei den Ägyptern und Chinesen), 
aber ebenso der Juden, der Germanen, der Griedien, Römer und 
Slawen. Eben darum war der höd^ste Gott immer auA derjenige 
des Dcjnners und Blitzes und der psyAologisd.e Nadifolger des 
H.mmelsgottes ist noA der jüdisdie Jahwe, der hodi oben auf dem 



j« 



H 



Zur Frage der psyAolosisdicn Gr undlage» und des Ursprungs der Religion 7 

Sinaiberge si(h aufhält, wie auch in den letzten Nadiidängen dieser 
Gestalt nodi der diristlidie Gott, dessen Aufenthalt ebenfalls in 
den Himmel verlegt wird. Die verhüllte Muttcrgestalt tritt ebenso 
deutlidi in der weiblidien Gestalt der Mutter Erde hervor, die 
eigentliA die Urahne aller weiblidien Gottheiten ist, die sidi später 
in der Mythologie aller VöIIter entwidtelt haben, und ihre letzte 
religionspsydiologisdie Enkelin ist ohne Zweifel die diristlidie 
Muttergottes. Es war kein Psyrfioanalytiker, der bereits 1905 
treffend nadigewiesen hat, daß die Urgottheit bei allen primitiven 
Völkern des grauesten Altertums - die Mutter Erde war und daß 
die alten Rudimente dieses tausendjährigen Glaubens audi in der 
Psydie der modernen Völker nodi immer fortlebend 

Es ist nun bemerkenswert, daß aus dem Bunde dieser uni- 
versalen Urgottheiien: Uranos (Himmel) und Mutter Erde, die aller- 
erste objektive kosmogonisdie Theorie der Naturvölker das gesamte 
Leben entstehen läßt. Uranos befruditet durdi den Regen (Symbol 
des Sexualaktes) die Mutter Erde und sie gebiert dann alles leben= 
dige - die Pflanzen, die Tiere, die Mensdien, weldie übrigens nadi 
dem Tode wieder in den Sdioß der Mutter Erde zurückkommen. 
Aus diesem Urglauben und diesen Urvorsteliungen entstand audt 
der weitverbreitete religiöse Phalluskult des grauen Altertums, wie 
-er' s'ö drastisdi bei den Altägyptern und anderen altorientaiisdien 
Völkern auftritt und eine gewisse Verbreitung nodi bei den GrieAen 
aSfweist Der Phallus war offenbar das Symbol der Zeugungskraft 
^desÜrgottes, der alles Lebende erzeugt, so daß in diesem Kultus die 
infantilen Vorstellungen und Ehrfurditsgefühle vor der verhol ten 
Ur- und Universalvatergestalt ihren demlidien AusdruA fanden. 
Sowohl in der Mythologie als audi in den Kindermardien 
prägt sidi der primitive Verstandesmedianismus aus, die primi- 
tiven Denkformen, die dadurA bezeidinend sind, daß kausale 
Vorstellungen und Begriffe gegenüber den NaturersAeinungeti, 
die den Mensdien umgeben, bei ihm noA sehr sdiwadi entwid^elt 
sind ■ er bedient sidi deshalb zur Verbindung versdnedener Natur- 
ersdleinungen, die siditbar audi für ihn voneinander abhängen, 
verwandter, ihm nahestehender Vorstellungen, die er seinem Leben 
entnimmt, Anstatt abstrakter Begriffe, die miteinander kausal 
oder teleologisdi verbunden wären, bedient sidi der Naturmensdi 

1 Vgl. die Sdnrift: Mutter Erde. Ein Versudi über Volksreligion von 
Albredit Dietridi, Leipzig 1905, 



Dr. Johann KinI«! 



i. 



A 



yi 



\ 



T 



und das Kind ganzer Schemen von konkreten Vorstellungen 
d,e seinem Leben entnommen sind. Sie sAaffen somit nach diesen 
^Aemen eine neue Reihe von <Natur.> Vorstellungen, ^obei in 
diesen fetzten die Verbindungselemente zwischen einzelnen Gliedern 
der sdjemat,sdien Reihe Analogien derjenigen Verbindungsglieder 
Ta' ]f '." Z ^°"^'^'''' ^*^"^^" ^'°" Vorstellungen be-^ 

d en?; "rn r ^^^"^^^"^*^^" -^ Grundlage seines Denkens 

h^Z A Z . ''"'"f" ^'"^-' ^"^ Gefühlsmecftanismus 

bildet das Wesen des anfängüAen symbolischen Denkens am 

DeTerO k"l"*"*".!^"'^"^ ""' '^^ individuellen Lebens. 
Dieser DenkmeAamsmus bleibt übrigens rudimentär zurück - auA 

be Kulturvölkern respektive erwachsenen Menschen. Z. B. um die 

lZr""'u' 1°^'' '" "'^''^^"' ^^'^ ^- K"rtur=, respektive 
r«.ad,sene Mensd, diejenigen ErsAeinungen besd^reiben und dann 

trA^LT ^- Ef ^*- ^- Lebens im Organismus und 

das Aulhoren seiner Funktionen charakterisieren {kausale Reihe) 

wogegen der Natur.ens* und das Kind den Tod mittels eines 

bAadeis und z^e^r gekreuzter Knodien beschreiben und damit 

bet mn "'" T^f"- ^^' ^" ^"^''^^"^^ ^- '"f-^''^" P^y^^'f' 
.rer noi r- "i'r^*^" '^' '' bezeiAnend, daß .ir alle 

mimer noch be, versAiedenen, in rationeller Beziehung elnfadien 
Fallen, uns solcher Symbole bedienen - so z. B. in Apotheken <Gift. - 
Präparate) oder au Kirchhöfen <ZeiAen auf Denkmälern) u a. m. 

K.nt rf°' "''l \'^""' ^'"^^ moralische Triebe im Sinne von 
Kants kategorischem Imperativ fehlen und das Bewußtsein dessen 

Vorteilen a'' A^TtT" ^""' ""^''I-ngig von persönlichen 

Vorte len nur durch die Elternautorität, respektive die Furcht vor 

rll It .7' '''' f'"^ '"* ^^' ^^'^ NaturmensAen alle mo- 
vi '^5"^'""Sen lediglich ein Produkt der Furcht vor über- 
naturbchen Kräften, die eine, gewissen Geboten ungehorsame, Per= 
son bestrafen. Die Analyse dieser MäAte zeigt stets, daß das 
verulte Gestalten der Ahnen sind, die gewisse Gebote aufg" 

aHen .1^%" "''"'? ^f " ^^^'"""^ ^^'-'^"S^"- Gerade deshalb 
fallen alle .S.tten. bei den Naturvölkern stets mit der .Sittlich. 
ke.t. zusa mmen', da es noch kein Gefühl und Verständnis des 

s..io./Sfc.Ter^ 



Zur Frage der psydiologisAeii Grundlagen und des Ursprungs der ReliRLOii 9 



l 



kategorisAen Imperativs als Stimme des Gewissens gibt, nämlidi 
kein - »idi soll«, unabhängig von äußeren Mäditen, die von 
mir gewisse Handlungen verlangen, Der Naturmensch argumentiert 
eben immer - »i* soll, weil so die Sitte lautet, so handeln alle, 
so haben es die Ahnen geboten«. 

Das Ersdieinen und die Entwidilung moralisdier Triebe bei 
dem Kinde in den obenerwähnten Formen ist der Anfang des 
Übergangs der infantilen Psydiilt in die zweite Periode ihrer 
Entwidmung, nad^ der ersten symbolisdicn Periode in die zweite 
Stufe, die die psyAoanalytisdie Sdiule mit der Herrsdiaft des 
geist'igcn Vater- und Mutterkomplexes in der kindlidien Psycho- 
logie Aarakterisiert. Diese Stufe ist als die letzte in der infantilen 
Psydiologie des Mensdien zu bezeichnen und ihre 2üge herrsdien 
später dauernd und wirken nodi im Jugendalter, das in psydio- 
logisdier Beziehung einen Prozeß der Verdrängung aller infantilen 
Züge und Besonderheiten, nebst Bildung der den Erwadisenen 
eigenen, d. h. realen, vernünftig^^bewußten und kritisdien Psydio- 
logie, darstellt. i t, i J 

Fassen wir nun zusammen, was den psychischen Inhalt des 
Eltcrnkomplexes bei dem Kinde in der zweiten Periode der infan= 

lilen Psydiik bildet. r j c 

Es ist einwandfrei festgestellt, daß das Kind auf der Ent^ 
widdungsstufe, auf der sidi seine psydiisdie und besonders Ver- 
standesgestalt ausbildet, unter starkem geistigen Einflüsse semer 
Eltern, respektive Erzieher, eventuell Personen, die sie ersetzen, 
steht Die sdiwadie und nodi ganz unbeholfene kindlidie Psydie ist 
nodi nidit imstande, die sie umgebende komplizierte Welt und d,e 
mensdilidien Beziehungen zu begreifen, und sudit deshalb instinktiv 
eine sidiere Stütze, eine Autorität, die es nachahmen und der es 
gehorchen könnte, deren Meinungen, Begriffe und Urteile maP- 
gebend wären. Das wäre, kurz gefaßt, die Grundlage des /aler-- 
komplexes in geistiger Riditung bei dem Kinde. Es ist ganz natür- 
lidi, daß gerade der Vater hier eine maßgebendere Rolle spielt, 
da das Kind mit seiner feinen und sensiblen Psydiik rasdi heraus- 
fühlt daß der Vater sowohl in der Familie als audi in der Außen- 
welt' größere Autorität und Einfluß besitzt als die Mutter, und 
auch daß der Vater - Mann, einen stärkeren Willen und Charakter 
äußert als die Mutter - das Weib, was das Kind instinktiv ver- 
anlaßt, die geistige Stütze hauptsädilidi beim Vater zu sudien. 



-r 



10 



Dr. Joliann Kiniief 



Tatsädilirf) beweist die Analyse der Kindeiseele auf dieser Afrers- 
stufe sters, daß die Autorität des V.nters, respektive seines geistigen 
Stellvertreters, hier die widitigste Rolle spielt. Von dem Vater 
stammt aller Sdiutz und Hilfe, ihm geliÖrt alles, was das Kind be- 
kommt und braudit, er ist die letzte Instanz, an die das Kind sidi 
wendet, an seinem Willen sdieitert des Kindes eigensinniger und 
eigensüditiger Widerstand. Von ihm kommt Strafe und Belohnung. 
. Ihn gilt es zu versöhnen, wenn er zürnt, und ihm zu gehordien ist 
. Gebot der Erziehung und der erwadienden Klugheit <Federn>. Die 
Meinungen, ^^eldie das Kind äußert, sind ihm unbewulk die des 
Vaters. Der Vater ist ihm ein intimer Lehrer und ein geistiger Eu= 
iTluditsort. Nadi der Meinung des Kindes ist sein Vater der ge= 
scheiteste und der stärkste, vorzüglichste Mann'. Und dies spridit es 
öfters in dem Kreise seiner Altersgenossen aus. Der Vater und 
dessen Tätigkeit, soweit sie dem Kinde verständlidi ist, stellt für das 
Kind ein Ideal vor. In der infantilen Psydiik bildet sidi auf diese 
weise ein Gefühl der Bewunderung gegenüber der Gestalt des 
Vaters, das mandimal beinahe religiöse Formen annimmt, der 
Vater beherrsdit die kindlidie Seele und füllt sie aus, wobei sidi 
audi eine besondere, tiefe Liebe zum Vater entwidicit, nebst der 
Anhänglidikeii und dem Gefühl der Unterordnung, ja eine spezi» 
fisdie Ehrfurdit, Verehrung und oft das Gefühl der Niditigkeit vor 
dem Vater, von dem audi der erwadisene Mensdi sich nidit ganz 
freimadien kann^. Soldie Gefühle und entsprediende Beziehungen 
zwischen Vater und Kind treten deutlicher im Volke hervor und 
waren besonders bezeidinend in vergangenen Kulturzeiten re= 
spektive ersdieinen nod> sdiarf ausgedrückt bei minder zivilisierten 
Völkern, z. ß. bei den Russen und überhaupt Slawen, vielmehr als 
bei den westeuropäisdien Völkern. Es ist bekannt, daß die stärkste 
Beleidigung für das Kind, die es zur Äußerung intensivsten Jäh- 
zornes und Wut, ja bis zum hysterisdien Anfall bringen kann - 
die Beleidigung des Vaters ist, etwa durdi Worte, die man gegen- 
über dem Kinde äußert, was z. B. dem Pädagogen wohl bekannt 

,' '^7, ^.^'"' ^^^ ">*■■ di«: Schafe anvertraut hat, i.t mäAtiger als alle 
Mensd,en und I^eintr vermag s,e der Hand meines Vaters zm entreißen« <EvRn8e. 
i.tira Johannes, cap. 10, v. 29, 30), .1* und ludn Vater sind eins« 

. ,R.. A \f\ "^ "".J "^--gf en von meinem Vater und lidner kennt den Sohn 
aalier dem Vater und d=n Vater kennt niemand außer dem Sohne, oder dem- 
;emfren dem der Sohn .hn ofFenbaren will« <Evangelium Maitfiäi, cap 11, v. 26 
27). »So scL es Vater, denn das war dein Wille . . * 



■ Frage der psydiologisAcn Grundlage n und des Urspru ngs der Religion 11 



ist. Dem ist so, weil dadurdi das innigste Heiligtum und Ideal be= 
leidigt wird, das in der Kiiidesseele wurzelt, vor dem das Kind sidi 
ehrfurditsvoll beugt und in dem es seine ganze Autorität sieht ^ 
Außer diesen starken, rein psydiisdien Trieben und Gefühlen 
zeigt der Vaterkomplex bei dem Kinde auch Züge des sexuellen, 
oder eigentÜdi physisAen Triebes zur Vatcrgestalc. Untersudiungen, 
die von der psyAoanalytisdien Psydiiatrie über die infantile Sexual- 
psydiologie unternommen worden sind, beweisen überzeugend, da(i 
das erste Objekt, auf das sidi unbewußt die sexuellen Sympathien 
der MädAen fixieren, die Gestalt und das Bild des Vaters ist. 
Eben die von uns erwähnte geistige Zuneigung, Anhängli^keit und 
Idealisierung des Vaters stellt einen durdiaus günstigen Boden dar 
zur psydiisdien Begegnung und Vereinigung dieses in der Phantasie 
des Kindes wurzelnden Bildes, des stärksten, mäditigsten und ge- 
sdieitesten Ndannes, mit den bereits in der weiblidien infantilen 
Psydiik sich entwidielnden Trieben zu einem Manne mit gerade 
solchen Eugen. Sogar später, nadi Verdrängung des psydiisdien und 
sexuellen Vaterkomplexes sudit nidit selten die erwadis^ne brau 
unbewußt bei Männern die besonderen spezifisdien ^üge des 
Charakters und des Äußeren, weldie typisdi für ihren Vater 
waren. Diesbezüglidi hat die psydioanalytisAe Praxis em budi- 
stäblicb unübersehbares kasuistisAes Materia! gesammelt, bewiesen 
und genügend begründet. Indessen ist der sexuelle Vaterkomplex 
bezeidinend nidit nur für Mäddien, sondern in ebensoldiem Grade 
audi für Knaben, d. h. in glei<ben Formen für Kinder beiden 
Gesdiledits, sowohl in den ersten Jahren der zweiten Periode als 

auch früher. • 

Idi muß hier, um Mißverständnissen vorzubeugen, ausdrüdilidi 
erwähnen, daß die infantile Libido einen ganz besonderen Charakter 



' Mit Recht verweist Herr Dr. Krstnikow in ci.icr Sit:Lting der psycho- 
Dosoiewski lim Diese Sfige „„d diese Psydiik «-urden bei dem Knaben hervor- 

tion auf das ps)-diisdie Trauma. 



12 



Dr. Johann Kinltel 



trägt, gänzlich verschieden von den Sexualneigungen und VorsteU 
lungen des Erwadiseiien. Wenn wir von sexualem Vatcrliomplex 
tei dem Kinde reden, ganz gleidi für beide Gesdilechter, wollen 
wir durdiaus nidit behaupten, das Kind empfinde den für den Er= 
wadisenen diarakteristisdien Sexualtrieb zu einer Person des anderen 
Gesdiledits. Soldie rein physisdie Empfindungen und Ekstasen sind 
ein specificum des erwadisenen Mensdien und sind ein Produkt der 
Gesdileditsreife. In der infantilen Libido sind dagegen der ideelle - 
geistige Trieb und der Trieb zur körperjidien Annäherung nodi 
ungetrennt voneinander und beide stellen ein gesamtes, einziges 
Gefühl dar, oder wie Christus sidi im Evangelium ausdrüdtt <das 
in jenen Stellen, wo es von den Banden zwisdien Gott= Vater und 
Christus-Sohn lautet, ganz besonders plastisch die infantilen Ge- 
/ fühle ausdrüdtt!): »lA bin im Vater und Er in mir.« Das Streben 
selbst zur körperlidien Nähe, das so oft und deutlidi beim Kinde 
zum Vorschein kommt, nämlidi in dem Wunsche, möglidist nahe 
bei Mutter oder Vater zu sitzen, mit Vorliebe auf den Knien oder 
in ihrer Umarmung, das häufige Küssen u, a., all das trägt ganz 
besondere Züge und enthäk nodi durdiaus nidit den spezifisdien 
Sexualtrieb des Erwadisenen. Indessen ist es nidit abzuleugnen, 
daß wir in diesen infantilen Äußerungen des Triebes zur körper= 
lidien Annäherung die Rudimente des zukünftigen spezifisdien 
Sexualtriebes vor uns haben. Physiologisdie Untersuchungen be- 
weisen nämlidi, daß die Lippen ein elementares erogenetisdies 
Zentrum sind, ebenso wie audi Umarmungen und das Ansdimiegen 
des Kindes .an den Vater oder die Mutter leise dessen Sexual- 
nervensystem erregen. Nodi bei dem Erwadisenen sind Küsse und 
Umarmungen elu Ausdrude des Sexualgefühls und ^tricbes, d. h. 
diese rudimentären Sexualemotionen existieren bei ihm weiter fort, 
bilden aber ledigfidi eine Einleitung, ein Element des Haupttriebes' 
und -gefühls. Eben darum, weil das Kind in seiner rudimentären 
Sexualpsydiik nodi keine soldien Triebe besitzt, die bestimmt auf 
eine Person des anderen Gesdiledits gerichtet wären, und sein 
Sexualtrieb lediglidi ein Streben bildet, seinen ganzen Körper in 
unmittelbare Berührung mit der geliebten Person zu bringen, um 
damit und mit Küssen unbewußt, leise die Sexualncrven zu erregen 
<was zweifellos dem Kinde die Rudimente des Gefühls der SexuaU 
befriedigimg gibt), wobei nodi in diesem infantilen Gefühle eine 
bedeutende, ja überragende Rolle ideelUgeistige Momente des 



Zur Frage der psydiologisAen Grundlagen un d des Ursprungs der Religion 13 



psyAischen Eltenikomplexes spielen, so wird klar, daß das erste 
oder rudimentäre Sexualgefühl bei dem Mensdienkinde durAaus 
nodi nidit hetero-sexuell <d. h. Trieb zum anderen Gesdiledit), 
sondern vermisdit hetero=homosexuell ist. oder genauer ausgedrücif. 
der primitive Sexualtrieb projiziert sid» in seinen rudimentären 
Äußerungen audi auf Personen desselben GesdileAts, respektive 
enthält Elemente des Homosexualismus, wiö z. B. bei dem Knaben 
zum Vater und bei dem Mädd\en zur Mutter. 

Prüfen wir nun weiter, was den psydiisdien Inhalt des Mutter- 
komplexes beim Kinde ausmadit. Dieser Komplex beginnt bei dem 
Kinde wegen der geistigen und körperliAen Nähe der Mutter 
von der Stunde der Geburt an, sich viel früher als der Vater- 
komplex auszubilden, wogegen der letztere eher ein Ergebnis der 
zweiten Periode ist. Der Mutterkomplex bildet sidi dagegen bei 
dem Kinde sozusagen von den ersten Tagen seines Lebens an und 
diejenigen spezifisdien Eüge der infantilen Libido, die w. oben 
iJnzeiAneten, ent^videIn sidi sd,on von dieser Seit an, ,ndem d.e 
Mutter mit ihren Ieidensd,aftiiA=zärthAen Umarmungen und 
Küssen <niAt selten direkt auf die Sexualorgane gend^tet ) gerade 
diese Züge entwickelt und fördert und damit die infantile Libido 
direkt auf sid. fixiert. Indessen entwid^eln sidi die rein psydusAen 
Züge des Mutterkomplexes vollständig erst in den vciminttig. 
belßten fahren des kindlichen Alters, Es muß jedodi die TatsaAe 
betont werden, daß die Stärke des geistigen Mutlerkomplexe, 
bei dem Kinde viel geringer ist als die des Vaterkomplexes, wen-g^ 
stens bei normalen Familienbeziebungen und daß er siA eigenthdi 
mehr bei Mäddien als bei Knaben entwickelt. Indem die Gestalt 
des Vaters als hödiste Autorität und Besdiützer der Familie und 
des Hauses und als hödister Regent und Ordner der Familien- 
beziehungen, als bödiste geistige und physisdie Madit m der das 
Kind umgebenden Welt ersdieint und damit die Phantasie und den 
Verstand des Kindes erfüllt und besdiäftigt, ist die Gestalt und 
das Bild der Mutter mehr ein Ideal der unendliAen Gute und 
Liebe, der ständigen BesAützung, der vollkommenen Frau, des gung. 
sten Hausengels, der alle Güter verabretAt und im Kummer tröstet. 

Freude marfie. Dieses wird stimmen, denn ei le von mir u 
errötete tief, als i* sie das zweitemal dabei uberrasdite. 



/ 






N 



M 



H 



Dr. Johann Kinkel 




Ebenso wie bei älteren Mäddien, bei der Ausbildung der reifen 
^exüa psyAik <Heterosexuaiität>, diese einige Eeit unbcwul^t mit der 
■ Ocstalt des Vaters v£rknüpft bleibt - dem Symbol des mäditig- 
sten gesdieitesten und sdiönsten Mannes, lebt bei älteren Knaben 
im Pubertätsalter das Bild der Mutter unbewußt in der Seele 
wexer als Ideal der sdiönsten und vollkommensten Frau, deren 
Charakterzüge er unbewußt bei anderen Frauen sudit, respektive 
an soldien ein Gefallen findet. Bei zukünftigen SexuaU und geistigen 
Psydiopathen treffen wir in diesem Alter mandimal deutlid, 
ausgedrudite Züge einer Verliebtheit in das Bild der Mutter 
respektive des Vaters, was darauf . hinweist, daß der Vater»' 
respektive Mutterkomplex bei ihnen nidit verdrängt wurde wie 
das bei normalen Mensrfien der FafI ist, sondern als pathoiogisd,e 
Grundlage ihrer ganzen Psychik für das gesamte Leben zurüdt. 
bleibt, 

Wie nun bei dem Kinde die primitive, symbolisrfie Psydio- 
logie mit Entwiddung des vernünftig-bewußten Verhaltens zur 
äußeren Welt durdi ein Verstehen, Denken und Fühlen ersetzt 
wird, in denen die herrsdiende und sozusagen regulative Rolle der 
Vaterkomplex spielt, ebenso entwickelt sidi audi bei der Gesell- 
sdiaft, respektive der Mensdiheit, na* der primitiven, symbolisdien 
naiven Denk= und Gefülilsperiode ein neues Geistes.-- und Gefühls= 
Stadium in der sozialen Psydiik, bei dem in dem Begriffe der Kos^ 
mogonie <Weltsdiöpfung und .leben), der Weltordnung aller 
Lebensprobleme und endlidi auA der mensdilidien Beziehungen 
<be. Abwesenheit des wissensdiaftlidien Denkens und beim Unbe= 
greifen des evolutionistisdien, kausalen und objektiven Prinzips in 
der Weltordnung) der Monotheismus zur Entwidifung kommt 
nebst allen spezifischen Äußerungen des Glaubens an den Gott^' 
Vater, der ganz besonders seinen Ausdrud im Christentum ge» 
funden hatte, Dieser Glaube und die vollkommen infantile Liebe 
zu Gott, deren Ausdruck wir so bezeidinend in dem Evangelium 
finden stellen tatsäAlid, den Vaterkomplex in der Sozia Ipsydiologie 
vor. In der Tat entwidelt sich der Monotheismus gesAid>tlid. aus 
dem Polytheismus, der nod, ungeordnete symbolistisdie Züge von 
gem,sdit.zufälligem Charakter aufweist und ähnlid. den kindÜdien 
Mareen über die WeitsAöpfung nodi keine gemeinsame Idee und 
kern eniziges harmonisdies System in den kosmisdien und biologi» 
sdien, respektive gesellsdiaftlidien und soziologisdien Vorstellungen 



Eur Frage der psydioIojisAcn Grundlagen unJ des Ursprungs der Rt^Iigion 15 



enthält^. Der Monotheismus gibt dagegen eine gemeinsame Idee 
und ein harmonisdies System in den Vorstellungen über das ganze 
Universum — über das natürÜdie und mensdilidie Leben, gesdiaffen, 
geregelt und verwaltet von Gott dem Vater, dem alleinigen 
Sdiöpfer, indem die Gesellsdiaft, die Sozialpsydiologie hier die in- 
fantile Vorstellung von dem Vater auf das Universum, das ge- 
samte Leben und alle gesellsdiaftlidien <niensdilidien> Verhältnisse 
projiziert,- ähnlidi wie das Kind mit seiner sdl^x'adlen und unbe- 
holfenen Geistesverfassung eine Autorität sudit und sie in der 
Person des Vaters findet, indem der Vater einen bedeutenden Teil 
seiner Psydiik ausfüllt. Wie das Kind sieht, daß sein Vater das 
Familienleben aufbaut und ordnet, d. h. die gesamte umgebende 
Welt, die es begreift, ebenso sudit und fmdet die infantile soziale 
Psydiologie die einzige Autorität im Universum und im ganzen 
Leben in der Gestalt Gott=Vaters und projiziert damit die Familien- 
Ordnung auf die ganze Welt. Es ist nidit außer adit zu lassen, 
daß der Monotheismus in der sozialen Psydiologie zu einer Zeit- 
Periode der mensdilidien Kultur ersdieint und sidi entwidtelt, wo 
die Autorität und die Madit des Vaters in den Familienverhält- 
nissen uneiidlidi höher standen als heutzutage und wo die Frau 
und die Kinder nebst allen Hausgenossen ihm so Untertan und 
hörig waren, wie das bei dem römisdien pater famitias der Fall 
war, der eine unbegrenzte Madit über die Persönlidikeit, Freiheit 
und audi das Leben aller Hausgenossen besaß. Für die Rudimente 
der Sozialpsydiologie bei der Genese der Gestalt Gott^Vaters ist 
es sehr bezeidinend, daß er in den ältesten dirisdidien Religionen 
stets "als ehrvpürdiger Greis, mit einem iangeif'-w'elße'ir Särte, auf 
dem Throne sitzend, gedadit und gezeidinet wii:d^^— Woher stammt 
nun, ps"ydioanarytisdi betraditet, dieses Bild? 7_EsJstj:weiFelIos^ 



' Es ist bemerkenswert, daß der diristlidie, religiöse Glaube in den ersten 
lahrtiunderten und nodi lange nadilier während des Mittelalters eine gewisse geistige 
VerwandtsAaft mit den älteren pdytlicisHsdi^syml.oÜslisdien Religionen auf-i-eist. 
Das antike Clirisrentum bevSliiert den Himmel n-it den vcrsdnedensien giiten 
Mädileii, Golt Vater an der Spime, deren Bezidiungen m der Religion nodi 
nicht feststehend sind, respektive noA in ein harino.i>sAes System von den 
folgenden Konzilen gebradil «-erden müssen. Ebenso wie der Hm.md m,t guten 
Mädtten, ist die Unteru^elt, die Hölle, mit bösen Matten bevölkert, xvobe. 
zwisdien Himmel und Hölle ein starker Kampf lobt. Es ,st dar, daß diese imttel- 
alterÜA.n Ari.stlicl.=relisiösen Vorstellungen nod. grundlegende E erneute des Poly- 
theismus und Symbolismus enthalten (Symbole des Guten und Bösen '" Jen Ge= 
stalten der gotilidien Kräfte im Himmel und der Teurdsmadite in der Holle). 
Nadi l^reud, tTotem und Tabu* «-ürden allerdings Gott und leu el, respektive 
Himmel und Hölle, Ambivalenzgestalren <Gefüble> des Vaterkomplexes sein. 





16 



Dr, Johann Kinliei 




daß das Christentum diese Gestalt von der ältere» jüdisdien Reli" 
"gion kopiert hat, wo ebenso Jahwe gesdiildert wird. In den jüdi- 
sdien religiösen Vorstellungen entstand nun diese Gestalt offenbar 
auf Grund der He^rrs^diaft.des.Patriarchats in der Gesellsd\afts= 
Ordnung, wobei der Patriardi, das ist der älteste Vorsteher einer 
Grolifamilie, oder Gesdiledits-Großvater oder Urgroßvater ab^^^^^ 
solut herrsdit und das gesamte persönliche und gesellsdiaftlidie 
"Leben aller Mitglieder dieser Familienorganisation ordnet. Die jüdi^' 
sdie Kultur auf patriardialer Grundlage ist nun die älteste voti den 
Kulturen aller europaisdien Völker, die ebenfalls die patriardiale 
Gescllsdiaftsordnung mit einigen Modifikationen entwidtelt haben, 
und deshalb finden wir bei den Juden zuerst die Ersdieinung des 
Monotheismus, Für die Feststellung der PsyAogenese der Gestalt 
des jüdisdien Jahwe ist es widitig, darauf hinzuweisen, daß es dem 
bekannten Soziologen Jul, Lippert und späteren Forsdiern voll- 
ständig gelungen ist nadizuweisen, daß ursprünglidi die jüdjsdie 
Religion ein ausgesproAener Polytheismus war und daß mehrere 
Götter die Gestalten von Gesdilediterahnen verschiedener jüdisdier 
und israeiitisdier Stämme waren. Später versdimolzen diese Ge« 
stalten in die eine Gestalt des ]aUwe, der^ebenfajEs anfänglidi.als. der 
heilTge'A'hneT der Urahne des gesamten Jüdisdien Volkes gedadit 
wurde! Die patriardiale Gesellsdiaftsordnung, die mehr oder minder 
starTausgedrüdir bei allen europaisdien Völkern eine Zeitlang gc= 
herrsdit hat, besonders aber bei Griedien und Römern zum Aus- 
drudt kam <man rcdine hier mit Hunderten von Jahren!>, sdiuf also 
die psydiologisdien Grundlagen für die Aufnahme und Ausprägung 
der ganzen Ideologie und des psydiisdien Komplexes des Mono" 
theismus audi bei diesen Völkern, nadidem er sdion vor der Ent- 
wicklung des Christentums, bei Griedien und Römern in den Lehren 
von "Plato, Sokrates, Seneka und in der Stoisdien Philosophie, zum 
Vorsdiein gekommen war. Die jüdisdien monotheistisdien Ideen 
koiWten um so leiditer von allen europaisdien Völkern empfangen 
werden, als die geistige Erbsdiaft der patriardialen Gesell sdiafts= 
Ordnung - die absolute Madit des Vaters - Mannes in der 
Familie audi dann nodi fortdauerte und ihren gesamten Umfang 
und Stärke bewahrte, als das Patriardiat im Sinne einer Gesell- 
sdiaftsordnung längst aufgehört hatte zu existieren. Nidit nur die 
Madit des rÖmisdien pater familias ist bezeidinend in diesem Sinne, 
sondern ebenso diarakteristisdi die absolute Madit eines soldien 



2ur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 17 



pater, respektive eines Feudalherrn, noch im Mittelalter bei den 
westeuropäischen Kulturvölkern und noch heute bei den Südslawen 
und Türken^. 

Auf diese Weise wurden in der Sozialpsydiologie der Kultur- 
mensdiheit die Grundlagen für die Entwicklung der Idee des Mo= 
notheismus und des ganzen Inhalts der Vorstellungen und Gefühle 
gesdiaffen, die die diristliche Religion bennzeiciinen. 

In ihren psydiologisdien Grundlagen spiegelt sie die infantilen 
VorsteHungen von der Weltsdiöpfung und dem mensdilidien Sdiid- 
sal nadi der folgenden Analogie wieder: wie der Vater Familien- 
leben und Ordnung sdiafft und unterhält, gehorsame Kinder be- 
lohnt und die ungehorsamen bestraft, so verhält sidi audi Gott- 
Vater zu den Mensdien, respektive zu ganzen Völkern, Diese Vor- 
stellungen sind bereits im Alten Testament vieifacfi vertreten und 
klar zum Ausdrudt gekommen, nämlidi bei allen Erklärungen ver- 
sdifcdener Übel und anderseits audi alles Wohls, die das jüdisdie 
Volk, aber audi die Mensdiheit treffen <NB. so die Gesdiidiie 
von der Sintfiut, von Adam und Eva, Sodom und Gomorrha u. a. 
mehr), — Nadiher bekamen diese Vorstellungen eine besonders 
weite Entwidiiung im Christentum. 

Für die soziale Psydioanalyse ist es vor allem widitig, den 
Charakter und den psydiologisdien Inhalt der diristlidien Religion 
festzustellen. Diese Religion bradite in die religiösen Vorstellungen 
und Gefühle ein neues Prinzip hinein: die ethischen Postulate 
die nidit nur auf den von der älteren jüdisdien Religion aufgestellten 
zehn Geboten beruhten, sondern in denen das Christentum nodi einen 
ganz neuen Moralkodex sdiuf, der nodi deutlicher als in der jüdisdien 
Religion mit rein religiösen <monotheistisdien> Glaubensprinzipien 
verbunden wurde. Dieser Moralkodex, der seinen vollen Ausdruck 
besonders im Neuen Testament gefunden hat, rüdit die Ethik auf 
allgemein mensdilidie Grundlagen und predigt die spezifisdie »Liebe 
zum Nädisten«, die ideale humanitäre Selbstopferung im Sinne des 
allgemein=mensdilidien Wohles u. a. mehr, indem die dirisdidie 
Moral hier offenbar das hödiste Eiel des Gesellschaftslebens zu er- 
reidien bestrebt ist: ein harmonisdies, soJidarisdies Leben bei der 
gesamten Mensdiheit, wie in einer großen Familie, mit Gott dem 

1 Die Marfit des Patriardien <WIadyI(a) in der südslawisdien Hauskommu- 
nion — Grofifamilie (Sadruga) und bei den alten Oslslawen ist noch ein Rest 
des Patriaroiats. 



^ 



18 



Dr. Jofiann Kinkel 



X 



\ 



Vater an der Spitze zu sdiaffen, was nadi der diristlidien Grunde 
idee nur durdi Bruderliebe, Vergeben und Selbstopferung bei jedem 
Individuum gegenüber allen Mitmensdien Zustandekommen kann. 
So2ialpsyd!o!ogisA=historisdi erklären sidi diese Ideale durdi die- 
jenigen Stimmungen und Gefühle, von denen die Arbeitermassen 
— die Sklaven, Proletarier und Lumpenproletarier in dem großen 
römisdien Rcidie begeistert waren, die ja Träger und Verbreiter 
der diristlidien Lehre waren, als das Christentum zum ersten Male 
eine weitumfassende, soziale und religiöse Bewegung der Volks= 
massen wurdet In diesen Idealen und dem Glauben an die all- 
gemein=mensdilidie Liebe, Brüdersdiaft, Solidarität, Selbstopferung, 
Vermögensgleidiheit, Beseitigung des Reiditums und der Armut 
gutwillige Verteilung der Besitztümer u. a,, die im Neuen Testament 
gepredigt werden, spiegelten sidi zweifelsohne die Stimmungen und 
tiefen Wünsdie der bedrüditen und leidenden Klassen der römisdien 
^Gesellsdiaft <>Wunsdierfüllung« in der Phantasie nadi der Bezeidi- 
nung Freuds, aber im sozialpsydiologisdien Sinne!), ebenso wie 
in analogen Vorstellungen und dem Glauben an eine zukünftige, 
vollkommene, sozialistisdie Gescllsdiaftsordnung — die Erwartungen 
und der Glaube des modernen Proletariats zum Ausdrudt kommen. 
D. h,, wie der Einzelmensdi am häufigsten davon träumt und 
sidi das idealistisdi=phantasrisdi vorstellt, was ihm besonders im 
Leben fehlt - einen Erfolg, Gesundheit, Verehrung, Reiditum, 
Liebe mit der erwünsditen Person usw.—, ebenso idealisieren und 
glauben, respektive predigen leidende, bedrüdite und in ihren Ge- 
fühlen verletzte Gesellsdiaftsklassen das Kommen einer soldien 
Gesellsdiaftsordnung, in der harmonisdi alle niensdilidien Interessen 
verbunden sein und Brüdersdiaft, gegenseitige Liebe und Solidarität 
herrsdien werden. Der Parallelismus zwisdien individueller und 
sozialer Psydiologie verläuft hier so vollkommen, daß, wie in den 
Träumen des Mensdien das gewünsdite Objekt stets eine ausge- 
sprodiene Vollkommenheit und volle Erreidiung des Herbei- 
gesehnten darstellt, ebenso die Ideale in den Sdiwärmereien und 
Sozialreform atorisfhen Systemen der bedrüditen und ausgebeuteten 
Klassen, respektive ihre Vorstellungen von dem Eukunftsstaat 
<das »Reidi Gottes« in der Phantasie der Massen des römisdien 
Proletariats oder der sozialistisdie Staat des modernen Proletariats) 

' »Es gibt für midi keinen Gricdien, Römer oder Juden — in meinem 

Reue sind alle gleidi!* — verkündigt das Neue Testament. 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 19 

Stets ein Bild des Paradieses auf Erden malen. <V8l z. B. die Ideen 
von Irenäos, foh. Chrysostomos, Hyppolytos, Laktantius und <ver= 
hüllt) der Johannesapokalypse von dem »Reiche Gottes auf Erden« 
mit den sozialistisdien Romanen von Thomas Morus und den 
folgenden im aditzehnten und audi im neunzehnten Jahrhundert.) 
Das wären also die sozialpsychologisdien Grundlagen der 
ethisdien Lehren, die im Urdiristentum zum Ausdruck kamen. in= 
dessen, vom psydiologisdien Gesiditspunkt, ist es von Belang fest" 
zustellen, daß das Christentum diesen von ihm entwidielten MoraI= 
kodex auf religiösem Grunde aufbaute, indem das Evangelium 
einige Male ausdrüdtlidh darauf hinweist, daß Christus - »der 
Sohn Gottes* nur_ein,_Sendbote des Herrgottes sei, der durdi ihn 
die ewige ^yahrheit der Mensdiheit offenbaren will. D. h. der im 
Neuen Testament enthaltene Moralkodex stammt nath dem dirist= 
lidien Glauben von dem Herrgott, von Gott dem Vater. In diesem 
Sinne gerade könnte man audi umgekehrt sagen, daß die christlidie 
monotheistische Religion auf ethisdien Grundlagen aufgebaut ist - 
im Gegensatz zu den älteren polytheistisdien (symbolistischen) Reli- 
gionen, wo diese Grundlage noch fehlt. 

Die Mensdiheit ist also bei Sdiaffung dieser neuen Grunde 
lagen und Elemente in ihrer Religionspsydiologie auf dieselbe Stufe 
in ihrer geistigen Entwidilung gestiegen wie auch der Einzelmensdi _ 
im Kindesalter, wenn nämKdi bei dem älteren Kinde ethisdie Triebe.«4.i* 
im Sinne von Kant bereits erwadien und sidi entvvidieln, jedodi ' 
ihren Grund und gewissermaßen ihre Stütze in der Autorität des 
Vaters oder der Mutter finden, Ähnlidi wie. die diristlidie Religion 
die Moral und den ganzen Moralkodex aus der »Offenbarung« ''^ 
"^Gottvaters^ herleitet/ ebenso begründet das Kind mit der MoraU 
autorität des Vaters, mit den »zehn Geboten« der Eltern gewisse 
ethisdie Handlungen oder Unterlassungen. Die ursprünglidie Furdit 
vor der Strafe, die für die moralisdien Triebe des Kindes im 
jüngeren Alter maßgebend ist, wird durdi die autoritäre Moral 
ersetzt und gleidizeitig umfaßt der Umfang der moralisdien Triebe 
und der Objekte die ganze äußere Welt, mit der das ältere Kind 
in Berührung kommt. Dieselbe Evolution hat in ihrer ethisdien 
Entwidtlung audi die Mensdiheit durdigemacht. 

MiTliesem Sinne suAtc die Aristliche Religion in der Tat stets naA - 
leitenden ethisdien Prinsipien zum Aultau einer idealen Gescllsdiaftsordnung und 
eines Lebens gemäß dem Willen der Vorsehung, nacüdeell-familiaren Fnnsipien 
mit religionsautoritativcr Grundlage ausgestaltet. 

2* 



■•., 



20 



Dr. Johann Kinkel 




— ^» 




Prüfen wir nun weiter, weldies die anderen grundlegenden 
psychologisdien Züge der diristlidien Religion sind und was den 
Inhalt des Religionsgefühls bei dem Menschen überhaupt bildet. Die 
Analyse dieses sonst geheimnisvollen Gebietes in der Sozialpsydio- 
logie nadi der Methode Freuds und Jungs vermag uns vielleidir 
dodi diejenigen Geheimnisse in der Mensdienseele zu enthüllen, die 
nodi für Kant und audi jetzt nodi für alle ReligionspKilosophen 
als Beweis der objektiven Existenz einer hödislen übern atürlidien 
Macht dienen, die von der mensdilidien Seele empfunden wird und 
zu der diese sehnsüditig hinstrebt. 

Wenn wir z, B, die klassisdien Erzeugnisse in der Literatur 
der christhdien Religionsphilosophie, wie etwa die SummaTheoIogiae 
von Thomas v. Aquino, oder die Werke des heihgen Augustinus 
auf ihren psydiologisdien Inhalt prüfen und diesen mit dem theo- 
logisdien Inhalt der vier Evangelien und mit dem Geiste aller 
dirisdidien Gebete zusammenstellen, so treffen wir dort stets foU 
gende Züge, die die Religionspsydiologie überhaupt auszeichnen: 
ein tiefer Glaube an Gott, der die ganze Psydie des Mensdien er« 
faßt und der ausdrüddich nicht_auMer Vernunft, sondern auf dem 
inneren Gefühl begründet, ist,- bei ebtatisdi=hysterisdien Personen 
<Mönrfie, heilige Brüder, Sektanten u. a.) gar auf »innerer Empfin- 
dung« und »innerem <seelisdien> Hellsehen« der Göttlidikeit (»Gott 
lebt in meiner Seele«, »der Herrgott ist in mir« usw.)'. Es ist da- 
bei bemerkenswert, daß die Religionsphilosophen fast immer darauf 
hinweisen, daß dieser tiefe Glaube an Gott durdiaus nidit auf ver- 
nünftigen Erwägungen begründet sei, daß der Mensdien verstand 
nidit imstande sei, Gott zu begreifen, weder seine Vorschriften, 
nodi den Sinn seines Willens, den der Weltsdiöpfung, des mensdi- 
lidien Sdiidisals u. a. mehr". >LedigIidi das tiefe Gefühl, die inner= 
Iidi=geistige Empfindung Gottes in allen Naturäußerungen und im 
Mensdiensdiidisal ist die wahre Grundlage der Religion« - heißt 

^.™. 'P^f'^'- stammen die Bdnamen rahlrddier Heiliger in der griediisA-ortho- 
doxen K^die: Gregorms, «^an usw. .der Gottesträger, und ähnliches. 
^.n /i.R^I ''^^ ™^^"gf'* '" '^^'J^.V^'^ <!" '■'^inen Vernunft nadigewiesen, 
ttinR. '"'-2°'r "."<i/='"« Wilens, <!cr die Wdc regiere, mit vernünf- 
ngen Beweisen n<At begründet werden kann, indem er auf logisdiem Wege alle 
tieweise, d,e von der Ärztlichen ReligionsphÜosophie vorgebradt werden, zurück- 
wies und uEbesrieitbar bewies, dal5 de ad absurdum führen. Für ihn ist die 
Emtenz (jottes cm kategorischer Imperativ, der ebenso wie die Moralgebote 
nidit bewiesen werden kann, sondern empfunden wird durch ein tiefes inneres 
Ocfühl seiner Notwendigkeit. - -^ ;,,;,-.■--- 



.J^ J 



^ 



Zur Frage der psydiologisdicn Grundlagen und des Ursprungs der Religion 21 



es oft in Religionssciiriften. In psycfioanalytisdier Beziehung heißt 
das nun, daß der religiös-gestiramte Mensch im Unterbewußtsein 
eine Reihe von erlebten Vorstellungen aufbewahrt, die miteinander 
verbunden sind und ein Ganzes bilden, mit einer gemeinsamen 
Gestalt und Idee, die diese Vorstellungen beherrsdit und leitet 
und im gegebenen Fall das Bild einer Herrsdiafts- und Führer- 
person ergibt. /-> c l( 
Das innere, geistige Empfinden Gottes, das tiefe Oefühl 
von Gott in allen Äußerungen der Natur und den Vorstellungen, 
respektive Begriffen von dem ganzen Leben überhaupt, ist ohne 
Zweifel der verhüllte Vaterkomplex, der in dieser Symbolform 
aus dem Unbewußten auftaudit, wohin, wie die psydioanalytisdie 
Lehre nadiweist, die kindÜdien Vorstellungen und Erlebnisse ver- 
drängt werden, um später in verhüllten SymboIFormen und 
^gestalten um so mehr und um so öfter in das Bewußtsein 
emporzutaudien, je mehr bei der betreffenden Person die infantile 
Psydiologie zurüd^bleibt. Dieser verhüllte Vaterkomplex herrsdit 
eben in dem gesamten Bewußtsein einer soldien refigiös=gestimmten 
Person und bedingt alle ihre Vorstellungen und Gefühle, indem ein 
soldies Individuum zweifelsohne in starkem Maße aufbewahrte 
Rudimente der infantilen Psydiologie aufweist. 

Die diristlidie Religionsphilosophie liefert im weiteren für die 
soziale Psydioanalyse ein durdiaus dankbares Material, indem sie 
Ziemlid. ausführlid. die Vorstellungen der diristlidien Religion von 
Gott im Sinne seiner Eigensdiaften aufzeidmet. Gott der Vater 
hat nidit nur die siditbare und unsiditbare Welt gesdiaffen, sondern 
nadi seinem Willen gesAieht alles. Er ist das ^Allergütigste 
Wesen« - die Vorsehung, die die Welt regiert und sie zur Voll- 
kommenheit leitet. Es ist klar, daß aud. hier, in diesen Vorstel- 
lungen die kindlidien Vorstellungen und Begriffe vom Vater auf 
die Welt und das mensdilidie Leben pro^Xl,^J7e_rd£n. Sozial- 
psydioanalytisA muß indessen diese Parallele dahin beriAtigt 
werden, daß in der diristlidien Religion die ideale Gestalt Gott= 
Vaters, der vollkommen gütig und geredit audi dann ersdieint, 
wenn er die Mensdien, seine Kinder, für deren ^.Sunden« be^ 
straft, gewiß einen stark idealisierten Vaterkomplex darstellt, 
indem diese phantastisdie Idealisierung überhaupt ein Spezihkum 
der infantilen Psydiologie bildet, zu der wir alle teiWe.se 
nadits in unseren Träumen zurüddtehrcn und die ganz besonders 



^ Dr. Johann Kinkel 



bezeidinend für die antike und nodi mittcktterlidie Mensdiheit 
gewesen ist. 

Von besonderem Interesse ist es, die psydioIogisAen Motive 
der diristlidi-religiösen Gefühle und Stimmungen festzustellen Als 
hodister, sozialer und philosophisdier Trieb ^ird in der Religions-^ 
hteratur oft der Gram über die tiefe UnvoIIkommenheit des Lebens 
das Leiden in Anbetradit der vielen Übel, des Bösen im Mensdien 
und in der Natur gesdiildert. Viel öfter ersdieinen jedoA persona 
I.che Leiden als die Triebfeder religiöser Stimmungen, wenigstens 
bei den Durdisdinittsmensdien. Es ist bekannt, daß sehr oft ver- 
sdiiedene psydiisdie Leiden, respektive tragisAe Erlebnisse, die 
Mensdien intensiv religiös stimmen, mandimal sogar soldic Personen 
die bis dahin religiösen Stimmungen und dem Glauben gänzlidi' 
gleidigültig und fremd gegenüberstanden, oder wie Geistlidie sidi 
gerne ausdrüdten: »Der Mensdi kehrt in den Sdioß der Kirdie 
zurüdi.« Eine Krankheit, der Verlust einer tief geliebten, nahe- 
stehenden Person, große Vermögensverluste, das Alter <d. h. die 
Nähe des furditbaren, unbegreiflidien Todes), unglüddidie Liebe 
(besonders bei Frauen) u. a., ergeben fast immer den Grund zur 
Entwiddung der religiösen Psydiik bei dem Mensdien und diese 
wird dann um so ausgeprägter, je größer das Seelenleiden gewesen 
war <im äußersten Falle führt das mandimal den Mensdien zum 
Emtrxt in ein Kloster). Eben darum hat die Aristlidie Religion 
stets die stärkste Stütze bei den Volksmassen gefunden. Eben die 
unglüdflidien und leidenden Volksmassen haben durdi ihre geistigen 
Führer - die Apostel des Jesus aus Nazareth - jüdisdie Flüdit- 
Iinge, in sozialer und religiöser Be2iehung die Lehre des Christen- 
tums formuliert und entwidelt und ihr die erwähnten spezifisAen 
ethisdien und religiösen <theosophisdien> Züge beigelegt, in denen 
namhd, die infantile Psydiologie dieser Klassen äußerst idealisierte 
(phantastisdie, wie in Kindermärdien!) religiöse Gestalten der väter- 
.dien, obersten, alfgütigsten Madit sdiuf, die die Welt zur Voll- 
kommenheit, allgemeinen Bruderliebe unter den Mensdien, Frieden 
und allgemeinem Wohl, mit Freude und Glüd^seligkeit verbunden, 
tuhre. In diesem Sinne liegt es außer Zweifel, daß das Christentum 
historisch ursprünglidi die soziale und religiöse Lehre der unter- 
drüd^ten und ausgebeuteten Klassen in dem mäditigen römisdien 
Reidie gewesen Est, als es zum ersten Male eine umfassende, 
soziale und religiöse Bewegung und Stimmung breiter Gese lisch afts- 



\ 



\ 



\ 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 23 



kreise wurdet Und darum spiegeln sidi in der ganzen diristlidien. 
Lehre, respektive in ihren ersten Literaturerzeugnissen, den vier 
Evangelien, den Apostelbriefen und den Werken der ersten Kirdien^ 
Väter, wie in einem Spiegel die religiösen und sozialen Gefühle, 
der Glaube, die Stimmungen, Hoffnungen, Erwartungen und Be= 
strebungen der römisdien Sklaven-, Proletarier^ und Halbproletarier- 
massen. Zutreffend verweist deshalb der vorzüglidie deutsdie 
Historiker des antiken Sozialismus und Kommunismus Pöhlmann 
darauf, daß ursprünglidi das Christentum und seine Literatur einen 
ebenso entwidtelten sozialen als rein religiösen Inhalt einsdilossen 
und das dessen Soziallehren bestimmte und deutlidi hervortretende 
kommunistisdie Züge aufwiesen^. 

Psydioanalytisdi betrautet, erklärt sidi diese historisdie, heut^ 
zutage ersdiöpfend bewiesene Genese und Evolution der Arist- 
' lidien Religion damit, daß die eigentümlidien geistigen <soziaIen> 
Stimmungen der römisdien Volksmassen eine besonders günstige 
Grundlage für die Entstehung und Weiterentwid^Iung der religiösen, 
monotbeistisdien Psydiologie bildeten, d, h. zur Projektion des in- 
fantilen Vaterkomplexes auf die Welt-' und sozialen Vorstellungen 
und Ideale, Mit anderen Worten, der geistige Fortsdiritt von den 
primitiveren, polytheistisch=symboIistisAen Vorstellungen und Glau- 
ben zum Monotheismus und der auf ethisdien Grundlagen aufge- 
bauten diristlidien Religion äußerte sidi anfangs bei intensiv-leiden- 
den <und deshalb audi intensiv denkenden und tief empfindenden) 
Sdiiditen der Gesellsdiaft und später betraten diese höhere geistige 
Stufe audi die übrigen Sdiiditen der Kulturmensdiheit. Einige Jahr- 
hunderte darauf akzeptierten audi die barbarisdien Völker, die das 
römisdie Reidi erobert hatten, offenbar unter dem geistig-kulturellen 
Einfluß der römisdien Gesellsdiaft das Christentum, 



' Es ist wohl bekannt, daß die römisdien SAnftstelfer dieser f^.^ veraAt- 
lidi das Christentum als ^Rdigioi. - wilden Aberglauben von Sklaven und 
Bettlern, bezeidinen- Apostel Paulus beriditet in Übereinstimmung damit, 
daß die diristlidien Gemeinden in der ersten Zdt J^„'i"/X°fli*/Bewtu'n; 
bildete Leute enthielten, Bezeidinend Ist €s audi, daß die *(^'' '*^ .^^^5f""| 
nodi in Galiläa zur Zeit Christi auf Arbeitersdi.diten aus J'"pY°!,''/^^^J V. Si 
Die Jünger und Anhänger |esus sind Arbeiter-, P/°>'^"^*« ^l^-!"^^"^,'- ,™'^'^ 
stammt aus einer armen Handwerkerfamil.e und der Smn f^F^'^ffl^lf 
offenbar gegen die Reihen und Herren .dieser Welt« gmAtet, indem '''^ A™' 
Leidenden, Verfolgten und UnglüAlidien nad. ihm '"*^^^ ^rben des >Got es- 
reiAes« sind. Vgl besonders die Bergpredigt Jesus nadi dem Lukasevangelium. 

' Vgl. Pohlmann: GesAidite des antiken Kommunismus und S)ozia]is- 
mus, 1912, Bd. IL Das Christentum. 



/ 



-r 



,? 



J 



24 



Dr. Johann Kinkel 



/ 



Y 



X 



IT. 

afteren Gr.„dpn„z,p,e„ unserer Disziplin is, die Psyd,ologie heut" 

CÄrÄ,et?:r:in^är™"^^" ^'---^^^ 

Seele früher akk,rn,ulier,er vörstelln " ' v' ^"''''=' '" ""^ 

<Ien einwirkenden E™pr,„d„n^:iX^"ah!:r'""'A"^"'' 
respektive der Begriffskreis desMen!!', . ^"/""^'■"''"Ssfähiskeit, 

der Men3iheit> er^^eiter skhÜr !, <'"! "''"'"Senen Sinne - 

und der Zunahme setaesEtf. "'^ '™'" J™ Wad,sen 

von der äußeren unTur^"'"' ■''^^P'^'''^'^ Vorstellungstreises 

je... feststehen daß „itar"''"™ '""T ^'''- ^^ '« ='- 
bereits festliegende vZ tellul T T" f ^'>™='™™sen alte 
nahestehen und ihm ve^rndtTd U-" ^T ''«■''^f'^"''" Gebiete 
tritt diese Tatsade ildr ?' '■;"'='"''=Sen. Besonders dcutliA 

begreift und aßt d t "b "f "„?r*°'°^'= <"=-"■ D- Kind 
Kinderstube, vom St ndpÄ p" ™" Gesiitspunkte der 
ElternbeziehungTn au" auf n ' '"t"'' '''"'^''-^ <>- Kinder- 
Gebiete seines fnfän'il t«A ^T P'-^*='"™Sen nun, die im 

untergebrad,t JelSrt^das K dT' °^'""^''^='=^^ 
ihm unbemerkt und unver.t f '^ '''"''"=' ''"" "'^i''» von 

Bewußtsein. Ganz d ssX fc'"bT*"'"'"' ^°"'^ '"' -■"™ 
Völkern, respettte fibTr '"^f"*'™ ^'" •>- de" primitiven 

und «Ordnung. Die FanUli^nn.. f "^^"^^"^^""'^s^' -beziehungen 
- das ist LT. ni T ^ ^''"'"'" ^"* '■" Universum! 
Menslhe^ Ja de K "'^" 7^ Glaubenssatz der infantilen 
heuLuta" f> . "''!^. '"* "'^^^ Religionsphilosophie bis 

heutzutage, .ohne diesen Glauben muß die MensAheit wabn 
s.nn,, .erden und zugrunde gehen,, lautet oft die KirdlroraL 



I 



.«i^ 



Eur Frage der psyAoIogisdien Grundlagea und des Ursprungs der Religion 25 



Es sdieint nun, daß das große Geheimnis des Sexualaktes, 
die Madit des Sexualtriebes und die Entstehung jedes Lebe= 
Wesens vom Vater, und zwar nidit nur beim Mensdien, sondern 
audi im Tier- und Pflanzenreidie, überhaupt in der gesamten 
Natur, stets ganz besonders stark auf die Phantasie des primitiven 
Mensdien eingewirkt hat und ihn veranlaßte, in Analogie damit 
zu glauben, daß audi alle ihn umgebenden Naturersdieinungen, 
ja die gesamte Natur, ebenfalls *vom Vater« stamme. Auf Grund 
dieser Vorstellungen dadite der primitive Mens* <ebenso wie das 
Kind mit seinem Glauben, daß alles, was es sieht, von seinemVater 
gesAaffen ist!), daß die ihn umgebende Natur und alle ihre Güter 
wie die Sonne, der Regen, die Tiere, Mensdien, Fruditbarkeit 
der Erde, Pflanzen usw. von dem Urahnen seines Stammes 
geschaffen oder bösen Mächten entrissen und den Nach= 
kommen zur Verfügung gestellt worden seien. Dieser Ur= 
ahne wird eben als der Vater, Sdiöpfcr und Besdiützer aller 
Naturgüter gedadit und das wäre wohl als die erste Stufe der 
Vatereinstellung in der Religionspsydiologie der Mensdiheit zu 
bezeidinen. Vorzügliche Belege in dieser Hinsidit, die versdiiedensten 
kulturell besonders zurüdigebliebencn Naturvölker des Erdkreises 
umfassend, gibt uns Kurt Breysig in seinem Budie »Die Ent= 
stehung des Gottesgedankens und der Heilbringer«. Eu demselben 
Vorstellungskreis wären audi die religiös verehrten (verhüllten) 
Gestalten der Stamniahnen im Totemismus und später Animis= 
mus^Fetlsdiismus zu redinen. Die volle religionspsydiologisdie Be^ 
deutung des Totemtieres und seines Religionskultus voll aufzu= 
dedien, ist allerdings erst Freud gelungen. Dodi konnte man die 
Vatergestalt des Totemtieres audi vor Freuds glänzender Analyse 
ziemlidi deutlidi durdisdiimmern sehen, z. B. bei Fr. B. Jewons, 
Frazer, Andrew Lang u. a. Von dem Totcmtier glaubt nadi diesen 
Forsdiern der primitive Mensdi abzustammen und ihm verdankt 
er alle seine Kulturerrungensdiafteny mit ihm ist er durdi enge 
Blutsverwandtsdiaft verbunden. Das Toiemtier verleiht ihm Sdiutz 
und Hilfe es warnt seine Sdiützlinge vor drohenden Gefahren, es 
wendet böse Naturkräfte ab und zieht gute heran. Der Mord des 
Totemtieres wird grausam geahndet, - das tote Totemtier wird mit 
allen Ehren, die einem Stammeshäuptling zustehen, begraben und 
sein Geist genießt audi später diese Ehren. Soweit nun später in 
der Religionspsydiologie des primitiven Mensdien der Animismus 






K 



26 



Dr, Johann Kinkel 




und parallel damit der Fetisdiismus aufkommt, erweitert sidi der 
religiöse Vorstellungskreis im Sinne der Beseelung aller Mädite und 
Ersdieinungen der Natur, die sämtlidi Objekte des Refigionskultus 
/werden. Die Entwidilung fetisdiistisdier Vorstellungen steigert dann 
W" die Anzahl der FetisdigÖtter ins Ungemessene. Indessen bleibt di^" 
I alte psychologisdie Grundlage auch auf dieser Religionsstufe be- 
stehen, wenn audi ihr Wesen sehr verdunkelt ist. Es ist wohl nidit 
abzuleugnen, daß die begründete Erklärung des Animismus-Feti= 
sdiismus bis jetzt Frazer, Lippert und Spencer gegeben haben. 
Spencer hat es besonders eingehend nadigewiesen, daß der Animis- 
mus=Spiritismus seirte psych ologisdie Grundlage nidii nur in der 
infantilen Naturbeurteilung und -auffassung nach Analogie 
findet, sondern hauptsädilidi in der Nekrolatrie, dem Kultus der 
verstorbenen Vorfahren, deren Geister in den Na turersdi einungen 
J fortwirkend gedadit werden. Die auf den Seelenkult ■eingehenden 
> Forsäiungen Lipperts und Breysigs beweisen nun überzeugend, 
daß die Hauptrolle hier der Kultus der verstorbenen Ahnen<Vater, 
Großvater, Urgroßvater) spielte. Deshalb eben bildete sidi in der 
Religionspsydiologie der Juden die Gestalt' des nationalem GSttes 
Jahwe aus, nämlich im langsamen Prozeß der psychologischen 
Verdichtung der Gestalten mehrerer Gesctlecfiterahnen ver- 
sdiiedener JÜdisdier Stämme, die viele Jahrhunderte hindurdi Gegen^ 
stand umfassender Religionskulte waren, in eine Gestalt - d'ie 
^t«.M^- Der Glaube an die Seelen Wanderung verstorbener 
Mensdien in verschiedene Tiere und audi unbelebte Gegenstände, 
der allen antiken Völkern eigen war, hat offenbar die Vorstellung 
begründet, daß alle Naturersdieinungen und Gegenstände von den 
Geistern verstorbener Vorfahren beseelt seien. Auf diese Weise 
wird man zu dem Schlüsse kommen, daß audi bei der zweiten 
Stu|s.. der Religionsentwidilung nadi dem Totemismus, d. h. im 
Animismus^Fetisdiismus wiederum, wenn auch bereits unbe- 
wußte Elemente der Vatereinstellung, d, i. des Vaterkomplexes, 
enthalten sind. 

Infolge des weiteren geistigen Fortsdirittes, bei der begriffe 
lidien Erfassung des Universums und des Zusammenhangs der 
Naturersdieinungen, verdiditen sidi die unzähligen Geistervor= 
Stellungen und Fetische wieder zu ihrem uralten rudimentären 
Element - der Vatergestalf und es entsteht dann die universale 
Religionstheorie vom Vater-Himmel und der Mutter^Erde, das 




■ -■*. 



Zur Frage der psyAobgiscfcen Grundtagen und des Ursprungs der Religion 27 

Symbol des Elternpaares. Zu dem darüber oben Erwähnten sei 
nodi besonders, was die universale Gestalt der Mutter=Erde betrifft, 
hinzugefügt, daß nodi heute in den Volksvorstellungen der Begriff 
vorherrsdit, daß alle Naturgüter und Sadien den Lebewesen von 
Seiten der ewigen, großen, gütigen und allgemeinen Mutter " 
der Erde verabreidit werden, In engem Zusammenhang damit 
stand audi die einst vorherrsdiende physiokratisdie Lehre in 
der Nationalökonomie. Dieser feste Glaube bleibt allerdings audi j 
jetzt nodi eine große biologisdie Wahrheit. Alles Lebende und'^ 
audi alle Güter sind ja tatsädilidi im letzten Grunde aus dem 1 
Uterus der Mutter Erde hervorgekommen! Hier müssen wir die 
tiefsten Wurzeln des Mutterkomplexes in völkerpsydiologisdien 
und besonders Religionsvorstellungen sudien. Die Muttern-Erde, 
d. i. die wirldidie, ewige alma mater alles Lebenden und audi 
die sanfte Beherbergerin alles Hingegangenen! Treffend meint 
ein altes slawisdies Spridiwort; »Aus dem Lodie bist du hervor= 
ge komm err"u riT* "in ~ eincffr Lodie versdiwindest du wieder, gehst 
du wieder heim!« — unbewußt den Uterus der Mutter mit der" 
""Mutter Erde identifizierend. Deshalb herrsdite audi bei den primi= 
tiven Völkern lange Zeit die merkwürdige Sitte, die Verstorbenen 
in der Stellung eines Embryo im Uterus ins Grab zu versenken, 
wie Goblet d'Alviella treffend nadiwies. Wie oben bereits erwähnt, 
sind alle folgenden weiblidien Gestalten in der Mythologie, wie 
etwa bei den Griedien Diana, Aphrodite, Athene, die Nadikommen 
der Urgöttin Gäa <Erde)/ offenbar sind das alles Töditer der Ur^ 
gestalt im völkerpsydiologisdien Mutterkomplex — der Mutter= 
Erde, die die Urahne audi der dirisdidien Muttergottes ist. Andcr= 
seits ist aber ebenso der Vater^Himmel die uralte Religions= 
gestalt, der Universalvater bei allen altorientalisdien Völkern ~ 
den Ägyptern, Persern, Indern, Chinesen <der diinesisdie Kaiser 
gilt no-di jetzt als »Sohn des__Hin}ineIs«> und in gleidiem Maße 
bei den späteren Kulturvölkern — den Griedien, Römern, 
Germanen, Slawen. Das Zeitalter dieser Religionsvorstellungen 
berührt nun in ihrer Fortentwiddung die Zeit der Bildung nationaler- 
Einheiten und Staaten bei den altorientalisdien Völkern. Dann 
wird eben der Stammahne des Volkes und Staates, der phan= 
tastisdi aus der psycho logis dien Verdiditung mehrerer Gesdilediter= 
ahnen hervorgegangen ist (nämlidi der in ein Volk vereinigten 
Stämme und Gesdilediter), wie etwa Osiris^Ämmon <Rä>, BcU 



/ 




2a 



Dr. Johann Kinlcel 



X 



^ 



Merodarfi, JaWe, Tian u. a. mit dem Himmel-Vater identifiziert 
und es befestigt sidi bei den Ägyptern, ßabyloniern, Chinesen, Juden 
Gnedien u, a. der Glauben, daß ihr nationaler Gott (Urahne) a 
der Vater der gesamten Welt und deren Leiter sei, der iS=?jirT'^ 
erreidibaren Himmelsgebieten sidi aufhalte. Nadi weiterem geistisen 
t^ortsAntt erweitert sidi diese Gestalt des nationalen Weltvaters 
zur Gestalt des internationalen Urahnen der gesamten Mensdi. 
heit und des allgemeinen Vaters, des Weltsdiöpfers, des weisen 
und gütigen Leiters der Mensdiheit und des Universums Diese 
Begriffs- und Religionsstufe haben bereits Sokrates, Plato Seneca 
Mark Aurel, die Stoiker und dann das Christentum ' erreiAt' 
wobei die besonderen Gesellsdiaftsstimmungen der urdiristliAen 
internationalen Volksmassen diese Begriffs- und GefühlsbiMung 
ganz besonders begünstigten. Auf die Vererbung völkerpsydio 
logisdier Vorstellungen ist wohl die Tatsache zurüdzuführen 
daß alle Vorstellungen von der absoluten Madit Gottes der 
alles wahrnimmt, alles regelt, siST una auch' verniditer'einen 
sosialpsydiologisdien Abklang der allumfassenden MadiV alt- 
orientalisdier Despoten <die demenlsprediend als Götter und 
Herrsdier zugleidi galten) und der binnen Tausenden von Tahren 
diesen gegenüber gepflegten GefüfiMer Völker darstellen. Aber 
audi vor diesen Kuliurzeiten mußte die ebenfalls "nadi Jahr- 
tausenden zählende Gesellsdiaftsordnung des Patriardiats ähnlidie 
Gefühle und Vorstellungen in der Seele der primitiven Mensdi- 
heit hervorgebracht und gepflegt haben, die dann in den alt- 

[ orientahsdien Despotien weiter ausgebildet und nodi fester be- 

' gründet wurden. 

Diese oben kurz skizzierte Evolution der Religionsvor- 

Stellungen sAeinen alle Kulturvölker des Altertums durdigemaAt 

) ^" ^^^^"; ^££-1^.^-1?., Pi^'t^rkreis der Mensdiheit - die alt= 

crientalisdien K^ren cTer Ägypter; Babylonier, Chinesen, Perser, 

Inder und später der Juden, zeigen alle diese Wandlung' und a». 

n,ahl,d,e Ausbildung ^eraa.ugfa^senden^ Gottvatergestalt, die in 

den Gottheiten Ammon.Rä=, BeWeT^ad,, Ahura-Masda, Tian 

■ Jahwe deuthd) zum Ausdrud; kömmt. Es ist stets die Gestalt 

{ des weisen und gütigen Sdiöpfers und Beherrsdiers der Welt 

c ^MJJ'^^SP Sinne später Gott rfer Sonne. Über die VaterPf.t.lt ^«. " 
Sonne und den Knn d.r Verehrung dies« Naturelem/ntf - S/f ™S 
alles Lebenden auf Erden - siehe ausFührlidier im ersten Teil. ^^""S-^^^ 



^Sf=: 



:35E 



Zur Frage der psydiologisdicn Grundlagen und des Ursprungs der Religion Z9 



die, wie hervorgehoben, im letzten Grunde auf die uralte Vor- 
stellung aller dieser Völker, den Vater=Himmel im Bunde mit der 
Mutter'=Erde zurüdtgeht. 

""""^ "Der" 2\!7'6ite Kültürlireis, der der Griedien und Römer, weist 
dieselbe religio nspsydiologisdie Evolution von neuem auf, wenn 
audi der Einfluß der alt=orientaIisdien Vorstellungen hier dieselbe 
Wandlung offenbar besdilcunigt hat, so daß die Griedien und 
Römer viel rasdier zu monotheistisdien Vorstellungen gelangen. 
Diese Ideen gelangten dann bei ihnen zur yollkommeneren Aus= 
Bildung und der siditlidie geistige Einfluß altorientalisdier RcIigions= 
Vorstellungen auf die griediisdie Philosophie bewirkte, daß sie die^ 
selben monotheistisdien Ideen tiefer, vollkommener und um- 
fossender zur Entwidilung bradite. 

Im diristlidien Gott ist die weise und gütige Vatergestalt erst 
vollständig zum Ausdrudi gekommen. Bis zum Christentum waren 
die Vatergestalten versdiiedener Gottheiten mehr oder minder soldie 
Symbole des Vaters, bei denen die infantilen Ambivalenzgefühle 
gegenüber der Vatergestatt ihren duniden Ausdrudi durdi die ihr 
zuges Ar i ebenen negativen Züge gefunden hatten. Erst der dirisdidie 
Gott ist gänzlitti davon befreit, er ist audi nidit mehr ein mehr oder 
minder verhülltes Symbol des irdisdien Vaters, sondern er selbst ist 
der allgütige, allweise, grenzenlos vollkommene Vater der Welt und 
des Mensdiengesdiledits. Die anderen Vatergestalten der Götterwelt 
sind weggefallen, der diristlidie Gott ist der einzige und wahre Vater 
des Universums und derMensdien, wobei Christus der Sohn in allen 
seinen Verhältnissen zu Gott offenbar die Gefühle des Mensdien- 
gesdiledits zu dieser neuen Vatergestalt in der Religionspsydiologie 
abspiegelt. Der Wegfall der Ambivalenzgefühle zur Vatergestalt 
und ihr Emporheben über alles Böse und Negative, die Be- 
gabung mit stark idealisierten positiven Eigens diaften, die dem 
mensdilidien Geistesvermögen entnommen sind, ist wiederum nur 
biogenetisdi zu erklären. Die Mensdiheit war auf dieser Religions« 
und- Geistesstufe in das Stadium ihrer seelisdien Entwicklung 
gelangt, das auf individualpsydiologisdiem Gebiete den Jüngling 
auszeidinet. Neben vollkommener Verdrängung der mit dem 
Mutterkomplex verbundenen Inzestsympathien, die die Ambi- 
valenzgefühle zur Vatergestalt nähren, und der Entfaltung rein 
" psydiisdier ideeller Liebe zum Vater — dem Erzeuger, dem 
Lehrer, dem Besdiützer, vermag der Jüngling bei geistiger Reife 



f 



\ 



30 



Dr. Johann Kinkel 



auch die gesamte Bedeutung des Vaters als Erhalter, Besdiützer, 

Ernährer der Familie zu begreifen, woraus diese ideelle Liebe 

zur Vatergestah und deren Idealisierung beim Jüngling herstammt, 

i Dieselbe Psychologie kennzeidinet sdiarf audi die menschhrfie 

X /l Gesellschaft im Christentum und nidit minder im Mohamme= 

^ I jdanismus. 

Die Vatergestalt lag, wie oben gezeigt, sämilidien Religions^ 
Vorstellungen in der Kulturgesdiidite der Menschheit zugrunde 
doch waren es vor dem Christentum stets nur dunkle Symbole 
des Vaters. Das Christentum zeigt dagegen den völlig ausge^ 
bildeten Vaterkomplex in der Sozialpsyciologie, der aber durA 
ciie ganze vorherige reIigionspsyd.o logische Entwiddung vorbe- 
reitet und admählid. formiert wurde. Der diristlidie Gottvater 
steht hoch über allen Gestalten des irdisAen Vaters, audi über 
denen semer religio nspsydioIogisAen Vorgänger und (ediglidi die 
psydioanaiytisAe Soziologie gibt uns Mittel in die Hand, um die 
letzte Grundlage aller Reiigionspsychologie zu begreifen und auA hier 
die tiefverhullte, ewige, stets variierende und dodi immer dieselbe 
bleibende, in der mensdilidien Seele festgewurzelte Religions- 
gestalt, das Bild des Vaters, aufzudecken. 

Kehren wir nun zur Psydioanalyse der d^ristlici- religiösen 
Gefühle und Stimmungen zurüd. Wir verwiesen darauf daß 
Gram und Leiden sei es aus sozial-humanitären Trieben oder 
auf Grund persönlirfier Erlebnisse, historisA und audi jetzt noA 
dje wichtigsten Motive für diese Gefühle und Stimmungen sind. 
Das Empfinden von Kummer und Leiden verleitet nämlid. den 
Mensdien am meisten dazu, einen .Trost<: bei Gott durdi 
Gebete d. h. durdi geistig intimen Vericehr mit Gott zu 
sudien der gemäli der christlid.en Religion die Personifikation der 
?"i^' ^^4,Y^^g^^""g ^^' Gnade und der Liebe ist' and als 
höchster Wille, der die Welt regiert, sdiließlid, alles Böse be= 
\ s^tigenwird^. Das heifit der Leidende, weldier durdi Gebete oder 

U\. In ^^K "^.■"T^^^" ^^■•«■■ts f'-"f>e'- darauf, daß diese Vorstdiuneeri ~ d:. 
dem rem .nfan,il=„ Glauben und den Vorstellungen von der vSrSen' älU 



Zur Frage der psyAologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 31 

Kir dien dienst in geistig-intimen Verkehr mit Gott eintritt, verdrängt 
aus seiner Seele den Kummer und sein Leiden, indem er mit der 
ganzen Seele, mit seiner innerlidi^mystisdien Intuition die Gestalt 
des Ailgütigen, der unendlidien Güte, Liebe, Gnade, Vergebung 
und des Heiles sdiaut und empfinder. Gerade diese psydiisrfien 
Momente werden in versdiiedenen Gebeten erwähnt und treten 
besonders deutlidi in dem orthodoxen Lobgesang und '•gebet an 
die Muttergottes, Jesus den Süßesten, und in anderen ekstatisdien 
Äußerungen des Religionsgefühls hervor. 

Somit wird es klar, daß die Religionsstimmung, die soge- 
nannte Frömmigkeit, bei dem Mensdien stets das Streben nadi 
einer komplizierten psydiologisdien Kompensation darstellt, näm- 
lidi zur von innig-mystisdiem Gefühl begleiteten Ansdiauung 
phantastisdier Gestalten von göttlid\en Mäditen (Gott^Vater, 
Christus, die Muttergottes) mit jenen symbolisierten-personifizierten 
Eigensdiaften, die seine psydiisdien Entbehrungen ersetzen könnten. 
Soldie symbolisiertcpersonifizierte Eigensdiaften sind gerade die= 
jenigen, die die diristlidie Religion, ursprünglidi die Glaubens- 
lehre der leidenden Sklaven^ und Proletariermassen, in die 
Gestalten Gott" Vaters, Christi und später der Muttergottes 
hineinlegte — unendlidie Liebe, Gnade, Güte und Allver« 
gebung. Es ist leidit herauszufinden, daß für versdiiedene 
Seelenleiden als Kompensation diese oder jene idealisierte Eigen- 
sdiaft dient. Zum Beispiel, für eine Person, die irgend ein Ver- 
bredien begangen hat und von Gewissensbissen gequält wird, 
dient als Kompensationsgefühl das Bewußtsein der unendlidien 
Güte und Vergebung Gottes, Bei unglüdilidier Liebe dient als 
Kompensation das Empfinden der unendlidien Liebe Christi zu 
den Mensdien, die sidi audi auf die betreffende Person erstredtt. 
Bei Verlust eines inniggeliebten Mensdien spielt die Kompen- 
sationsrolle das Bewußtsein, daß die hödiste, allgütige Madit 
dieses verursadit habe und daß diese Madit trotz aller Leiden 
die Welt zur Vollkommenheit führt, respektive den Mensdien 
das ewige Leben im Jenseits gibt, »wo es ein Wiedersehen 
unter allen Gestorbenen geben wird« usw. Man sieht, diese 

mäditigen Gestalt Gottes, der mit den mensdilidien SAmerzen Mitleid haben 
kann und die Gebete seines Kindes aniiören wird. Wir analysieren jedodi im 
■weiteren in psydioIoRisAer Hinsidit kompiiziertere Religionssiimmungen, wo das 
Bestreben des Verkehres mit Gott hervortritt, ohne daß dabei das Erhalten, 
irgend eines Gutes im Leben, wie etwa Gesundheit, Wohlstand u. a., erstrebt wird. 



32 Dr. Johann Kinkel 



Empfindungen, d. h. Koinpensationsgefühle und -.Stimmungen 
weisen einen typisch infantilen Geistesmedianismus auf, der sich 
im Grunde genommen durdi nidits von der Psychologie jenes 
Kindes unterscheidet, das einen Trost in Märdien mit Kompen^ 
sationsinhalt und -gestalten sudit,- d. h. die ReÜgionsstimmungen 
und =gefühle sind eigentlidi ihrem Wesen nach eine Rüciikehr zur 
infantilen Psychologie. Eben dort, in der infantilen Psydiik, findet 
der Mensdi audi den Vaterkomplex - die Gestalt des gütigen, 
für das Kinderwohl besorgten Vaters, der einst sein ganzes 
Seelenleben leitete, in diese aus seinem Unterbewußten auf- 
getaudite Gestalt des Vaters <die hödiste Macht und der Wille, 
der früher sein ganzes Leben und Denken leitete) verlegt der 
fromme Mensch die Kompensationseigensdiaften, mit anderen 
Worten, er symbolisiert^personifiziert sie in dem infantilen Vaier= 
komplex und findet darin einen Trost und einen geistigen Zu- 
fluditsorl. Bezeidinend ist. auch, daß bei frommen Naturen stets 
eine besondere Liebe, Furdit und Verehrung gegenüber den gött- 
lidien Mäditen sidi entwidtelt, die für das Kind mit dem geistigen 
Vater- und Mutterkomplex in seinen Beziehungen zu den Eltern 
so bezeichnend sind. Wie idi bereits oben hinwies, waren der- 
artige Stimmungen undAndaditsgefühle mit dem idealisierten Vater- 
komplex in der Sozialpsydiologie charakteristisA für die ganze 
Psydie der Menschheit, d. h. den Seelenzustand der mensdilichen 
Gesellsdiaft in gewissen Stadien (Alter) ihrer geistigen Entwiciilang. 
Es ist genügend, etwa auf die spezifische Religionspsydiologie der 
Kuliurmensdiheit im Mittelalter' bis zum Dreißigjährigen Kriege 
zu verweisen, d. h. im Laufe von zirka 1000 Jahren, in dem 
westeuropäisdien Kulturleben, und bei den in Kulturbezieh img 
rückständigeren slawischen Völkern (besonders bei dem russischen 
Volke) bis zum Weltkriege, respektive bis heute noch. Soldie 
Zustände a ber, auf die idi eben verwies, von Geistlichen als 

Dk-i ' ^^ -^^ bekannt, daß im Mittelalter sogar die ganze Wissensdiaft und 
Philosophie einen spezifisd. theosophisdien Zug besaß, und man kann behaupten, 
dalt die gesamte Psydiologie der Gesellsdiaft einen besonderen mystisdi-religiösen 
Charakter aufwies. Dies zeigt sidi nidit nur in der umfassenden, alies sidi unter- 
ordnenden Geistesniadit der KirAe (Inquisition, Geridif, Literatur, politisdie 
Oewalr), sondern noA mehr in der intensiven Religionsstimmung der Volks' 
massen. Sogar protestierende Elemente — Revolutionäre und Kommunisien - 
grund«! ihre Lehren auf religiösem Boden, ihre Soziailehren nennen sich »edit'- 
diriscliaii und »götllicfc«; und sie bauen ihre Ideale auf Auslegungen im kommu- 
nistischen Sinne des Evangeliums und der Sdiriften der älteren Kirchenväter der 
diristlidien Kirdie. 



'1 



n 



Zur Frage der psydiologisAen Grundlagen und des Ursprungs der Religion 33 

»Rückkehr in den Sdioß der Kirdie« bezeichnet, d. h. eine plötzlidie 
Wendung einzelner Personen von der reell-bewußten zur Religions- 
psydiologie, und zwar unter dem Einfluß psydiisdier Traumata 
oder Konfiikte, sind ihrem Wesen nadi eine durdiaus typische 
Rückkehr zur infantilen Psydiologie, gewöhnlidi in hohem Grade, die 
nidit selten an das Pathologische grenzt. Es ist ein Vorgang, der 
regelmäßig auci das normale Seelenleben auszeidinet, wie denn jeder 
von uns in gewissem Grade nadits in den Träumen zum Infantilismus 
zurückkehrt, die uns ebenfalls versdiiedene phantastisdie Kompen- 
sationsbilder und «gestalten ausmalen, welche unsere stärksten und 
intimsten Bestrebungen und oft unerreidibaren Wünsdie befriedigen 
und die ja ebenfalls sehr ähnlich den Kindermärdien, ihrem Medianis= 
muß gemäß, sindl Eine besondere Stellung bei dieser durchgehenden 
Tendenz der mensdilichen Psydiologie, bei Konflikten, die auf ver- 
nünftig-bewußtem Wege unlösbar sind, zur infantilen Psydiik zu= 
rüdizukehren, nehmen die Fälle ein, wo Sterbende zur Religion 
zurüdikehren, manchmal überzeugte Freigeister und sogar aktive 
Kämpfer gegen Religion, Kirdie und Geistlidikeit. Wir besitzen 
in der russischen Literatur zwei vorzüglidie Besdireibungen solcher 
Fälle, die vollkommen das psychologisdie Bild derartiger geistiger 
Erlebnisse wiedergeben. Das eine ist »Der Tod des Iwan Iljitsch« 
von Leo Tolstoi. Erinnern wir uns der Nachtszene im Schlaf= 
Zimmer von Iwan Iljitsdi, dieses trodcenen Petersburger Beamten, 
eines Materialisten, der niemals etwas mit sentimentalen Stimmun= 
gen zu tun hatte und immer ganz fremd der Religion gegen* 
überstand, wie er auf seinem Sterbebette in der Naditsiillc plötz= 
lidi mit seiner ganzen Intuition wahrnimmt, daß er sidier stirbt, 
daß alle Quadssalbereien und alles Kurieren der Ärzte vergeblidi 
waren und daß es mit ihm zu Ende geht. Die erste Reaktion 
auf diese sdiredilidie Entded^ung ist eine jähe Verzweiflung und 
Entsetzen, das ihn erfaßt, und darauf folgt ein krampfhaftes Sudien 
irgendwelcher Rettungsmittel. Unter verschiedenen wirren Bildern, 
die im Kopfe des Sterbenden durdiein anderjagen, ersdieint plötzlidi 
das milde Bild der Mutter und klar ersteht vor seinen geistigen 
Augen eine Kindheitserinnerung, wie er als kleiner Knabe vor 
den Heiligenbildern kniete und unter mütterlicher Leitung zu Gott 
betete. Und nun, erfaßt von einem starken, unwiderstehlidien 
Triebe, wirft sich dieser erwachsene Mann, der ehemalige Rationalist 
und Materialist, der einst die Religion bespöttelte, in der Zimmef 



34 Dr. Jofiann Kinkel 



ecke auf die Knie und betet mit Tränen in den Augen zum 
Herrgott, er möge itim das Leben lassen. Er ist doch so gütig 
und allmächtig und kann das leidit vollbringen, denn Iwan Iljitsdi 
liebt ja so sehr das Leben, seine Dienstkollegen, die Versamni^ 
lungen im Klub, -am Kartentisdi , . . und alles! - Er verspridit 
dem lieben Gott, daß er im weiteren ein guter Vorgesetzter, 
Gatte und Vater sein will <was er eben nidit xyar!) . . . Auffallend 
ist in dieser tief'=wahren psydiologisdien Besdireibung des großen 
russischen Seelenkenners nidit nur der Medianismus der psydiisdien 
Rüddtehr zum Infantilismus beim sterbenden Mensdien (Bewußtsein 
der Retrungslosigkeit, Auftaudien des Mutterbildes und des in der 
Gottesgestalt symbolisierten Vaters, d, h. von Mädiien, die ihm einst 
Beistand geleistet hatten und ihn aus versdiiedenen sdiwierigen 
Lebenslagen erretteten), sondern auch die typisch infantile Spradie, 
mit der er sidi zu Gott wendet. Geistig ist er bereits wieder zum 
Kinde geworden und deshalb finden wir in seiner Art zu reden die 
bczeidinende infantile Logik; »Du bist groß, gütig und allmäditig wie 
der Vater, gib mir das erwünsdite Gut und idi werde dann gut und 
gehorsam gegenüber Deinen Geboten' bleiben.« 

Eine ebenso vorzügliche Besdireibung der Rüdtlcehr zum 
ManiilJsmus finden wir bei dem modernen russischen Sdiriftsteller 
Arzibasdieff in dessen Roman - »An der Grenzsdieide«. Der 
alte Iwan Iwanowitsdi, gänzÜdi entkräftet, halbblind, der, die 
Redefähigkeit beinahe ganz eingebüßt hat, aber ehemals ein vor^ 
züglidier Gelehrter, ein überzeugter Anhänger der materialislisAen 
Weltanschauung, ein bekannter Professor und Politiker, der ein persÖn= 
lidier Freund von Karl Marx war, spürt ebenfalls zuletzt die un- 
mittelbare Nähe des Todes, als er nadits im Bette liegt. Bei dem 
flimmernden Lidite des Öldodites, der vor den Heiligenbildern 
leuditet, die schon lange in seinem Eimmer von der alten, ihn 
beaufsiditigenden Wartefrau aufgehängt wurden, kriedil er im 
Nachthemde vom Bette herunter und betet inbrünstig zu den 
Heiligenbildern, indem er den guten und gnädigen Gott anfleht, 
er möge ihn doch verschonen, er möge ihm doch nodi ein wenig 

Leben schenken, denn er sieht so gerne die Sonne und die Natur 

aus dem Fenster und hat so gerne die warme Milch und die 

Grießgrütze mit Zudcer . , . 

Eine soldie Rückkehr zur längst überlebten und verdrängten 

^nfantilen Psychologie erscheint bei dem Mensdien manchmal als 



1 



Zur Frage der psydiologisien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 35 



ein urwüAsiger Trieb, zeitweilig, d. h. vorübergehend, gewöhnlidi 
infolge starker Seelenersdiütterungen, aber audi dann als Er- 
gebnis des Bewußtseins, daß der Mensdi ohnmäditig ist, die ihn 
bedrohende große Gefahr mit eigener Kraft abzuwenden. Infolge- 
dessen wird seine PsyAc audi in sol6en Fällen, in dem Sudien 
eines Ausgangs aus der verzweifelten Lage, aufs äußerste be« 
drängt (»kein Ausgang!«), sozusagen zurückfliehen zu den 
liindlidien Vorstellungen, Empfindungen und Trieben, Das heißt, es 
stellt sidi nadi der Auffassung Freuds eine Fludit in die Kindheit 
ein, als dem letzten Rettungsort,- audi dies, ebenso wie das 
Streben nadi psydiologisdier Kompensation bei gewissen Seelen- 
Stimmungen, eine Eigentümlidikeit der menschlidien Psydie. Ein 
merkwürdiges Beispiel einer soldien (vorübergehenden) plötzlidien 
Rüdtkehr zum Infantilismus, und zwar auf dem Gebiete der 
Sozialpsydiologie, ist das Ereignis, weldies in Petersburg im 
Jahre 1914 vorgefallen ist. Am 1. August, das ist am Tage der 
Kriegserklärung Deutsdilands, die bereits eine Woche lang erwartet 
wurde, als das Volk durdi diese Spannung sdion stark psydiisdi 
erregt 'war, da die politisdie Presse mit allen Mitteln auf die 
Gesellsdiaft einwirkte und alle Sdiredien der Deutsdien, die in 
das fussisdie Gebiet einfallen würden, grell ausmalte, versammelte 
sidi das Volk vor dem 2arenpalast, Der Zar ersdiien auf dem 
Balkon und das ganze versammelte Volk Bei plötzlid^, wie von 
einem gemeinsamen Trieb erfaßt, auf die Knie und rief aus: 
»Väterdien Zar, errette uns vor den Deutsdien!« 

Deutlidi pathologis6e Formen bei voller Verdunklung des 
Bewußtseins stellen Infantilismen der Art vor, wie der Fall jenes 
Verbrediers, der auf die Guillotine gestellt war und bei An- 
näherung des Henkers diesem zu Füßen fiel, seine Knie umfaßte 
und ausrief: »Papa, lieber Papa, habe Mitleid mit deinem unglüdi- 
lidien Kinde!« Ähnlidi ist audi der Fall einiger Reisender (Männer 
und Frauen) auf einem sAiff brüchigen Dampfer, die im letzten 
Augenblid vor dem Untergang Hals, Hände und Füße des 
Kapitäns umklammerten und ihn anflehten, *wie einen Vater«, er 
möge dodi wenigstens sie retten. 

Das große Verdienst psydioanalytisdier Autoren wie Freud, 
Breuer, Bleuler, Jung u. a. um die Psychiatrie besteht darin, daß 
es ihnen durdi sorgfältige Analyse der PsyAik Irrsinniger, die an 
Paranoia und Dementia praecox leiden, gelungen ist, nadizuweisen. 



3' 



36 Dr. Johann Kinkd 



daß die Ansldit der alten Psydiiarrie, es handle s'idx hier um eine 
»Verrüdttheit«, um eine für den gesunden Mensdienverstand un-- 
begreitlidie Psydiologie, ganz und gar nidit stidihakig ist. Das, 
was man vulgo »Verrüditheit« und »Irrsinn« nennt, ist eigentlidi, 
ebenso vie audi die oben angeführten Beispiele, eine Fludit in 
die Kindheit, nur in bedeutend größerem Umfang und bei vollem 
Verlust des Bewußtseins der gesamten realen Wirkhdikeit, die 
unter dem Drudve starker, intensiv verfolgender und quälender 
psydiisdier Erlebnisse erfolgt ist. Die »Flucht in die Kindheit« ist 
hier eine soldie in eine vollkommen phantastisdie Welt, die sidi 
die völlig in den Infantilismus verfallene Seele des Geisteskranken 
zur Lösung des Konfliktes als Kompensation sdiaEft. Das heißt, 
von der für ihn sdireAlidien Welt der Wirklidikeit, die er nidit 
mehr ertragen kann, flieht er in die Welt der Phantasie. Und 
dort, in dieser phantastisdien Welt, sdiafft er sidi, wie der 
normale Mensdi im Traume, versdiiedene Kompensationsgestalten, 
die seinen Konflikt lösen sollen. Deshalb erweisen sidi die Wahn- 
ideen der Psydioneurotiker bei einer näheren Analyse als das 
Spiegelbild ihrer Seele: dorr wird in versdileierten Symbolgestalten 
der Inhalt des Konfliktes, respektive des psydiisdien Traumas 
gesdiildert und dann in anderen Bildern die phantastisdie Lösung 
des Konfliktes, respektive Beseitigung des Traumas, Die Symbol^ 
formen und der psydiisdie Sinn dieser Wahnvorstellungen sind 
dieselben wie Jm Traume des Gesunden und audi in dem 
»unznsammenhängenden« Lallen kleiner Kinder. 

In den obigen Ausführungen sdiilderten wir den Vater« 
komplex in der Sozialpsydiologie, der den Hauptteil, sozusagen 
den Kern der diristlidien <ebenso aber audi der historisdi voran* 
gehenden jüdisdien) Religion bildet. Neben der Hauptgestalt des 
Gottvaters sind alle anderen Gestalten, die verhüllte des Heiligen 
Geistes, des Christus=Sohnes und dann versdiiedener Heiligen 
<die eine besonders große Rolle in der griediisdi^prthodoxen Religion 
spielen!) lediglidi Abarten der hauptkomplexen Gestalt oder in der 
Spradie der individuellen Psydioanalyse ausgedrüdtt, versdiiedene 
Vaterimagincs/ insbesondere die Gestalt Christus personifiziert, 
symbolisiert nur gewisse ideelle Eigensdiaften, hauptsädihdi Liebe 
und Selbstopferung, 

Bemerkenswert ist aber, daß die Religionspsydiologie audi 
eine sehr ausgebildete Gestalt des Mutterkompicxes kennt, das 



■ i\ 



( 



2ur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 37 



ist die Gestalt der Muttergottes, der die Religion diejenigen 
idealisierten Eigenschaften beigelegt hat, die das Kind an der 
Mutter zu sehen glaubt. Die Muttergottes, »die Besdiützerin« <wie 
die a!le russisdie VolKsausdrudisweise lautet) ist die Personi^ 
fikation der unendlidien Güte und der spezifisdien weiblidi= 
mütterlidien Liebe, sie ist die Beisteherin und Besdiützerin in 
allen Unglüdisf allen und verleiht Trost hei Kummer,- die be- 
sonderen und eigentümlidien Söge soldier infantilen Volksgefühle 
gegenüber der Gestalt der Muttergottes sind nebst ihrem Kultus 
besonders drastisdi in Zolas Roman »Lourdes« gesdiildert. Be^ 
sonders verbreitet war bekanndidi der Kuhus der Muttergottes 
im Mittelaher'. In unendUdien Prozessionen, in ekstatisdien 
Gebeten und Gesängen, die die Eigcnsdiaften der himmlisdien 
Mutter priesen, an denen entzüdite Volksmassen teilnahmen, d. li, 
meist Leute, die an versdiiedenen geistigen und körperlidien 
Krankheiten litten oder ihre Nädisten verloren hatten, oder audi 
Leute in untergebener, höriger GeseHsdiaftsstellung, springt stets das= 
selbe Motiv klar hervor, das Sudien der Heilung oder des Trostes. 
bei der göttlidien liebevollen Mutter, die die Unglüddidien be= 
mitleidet, die »die Tränen trodinen wird«, die die Sdimerzen 
stillen kann, »die vor Gott Beistand liefert« <!>, die vergibt usw. 
Man sieht, auA hier haben wir typisdie Äußerungen des Infanti= 
lismus, die Projektion infantiler Vorstellungen, Empfindungen und 
Stimmungen in den Himmel und die Herstellung einer göttlidien 
ideellen Gestalt daraus. Besonders bezeidinend im infantilen Sinne 
ist das (obenerwähnte) spezifisdi kindlidie Sudien des Trostes 
bei der Muttergottes, das übrigens ein widitiges Rcligionsmotiv 
in der diristlidien Religion bildet^. ' ' 



' Bis 'ur Revolution 1917 war der Kultus der Muttergottes ganz be- 
sonders bei den russisAen Volks-- <?.m intensivsien Bauerti») massen em-Ä-idselr 
Der russisdie orthodoxe Glaube weist eine Unmasse von - Gottesmuttern« aut, 
deren Bilder in versdiiedenen Gegenden »vom Himmel gestiegen sm'i«. Die 
Hauptgestair ist die »Iwerskaja Bogomaterj«, deren Bild vom Volke um^ 
sdiwärmt, tio* jetzt im Zentrum von Moskau in einer von Kerzen strahlenden 
Kapelle steht. 

= Besonders bezeidinen<i fOr den reliKiösen Infamilismus ist die typisdie, 
von den älteren diristlichcn Konfessionen {Katholizismus und Orthodoxie) ein- 
geführte Sitte der Süiidenbeidite, vor dem Antlitz Gott-Valcrs von Seite aller 
Gläubigen durdi Priestervermittlung ausgeführt, Die infantile Vorstellung von 
den »Sünden« (Übertretung der Gebote Gott=Vaters> wird hier dur* den 
typisdi infantilen Trieb ergänzt: das Geständnis der verübten Vergehen und die 
Bitte um Verzeihung. 



K 



K 



38 Dr. Johann Kinkel 



Ebenso wie bei dem Kinde mit seiner sdiwadien Geistes^^ 
Verfassung, das schon durch den geringsten Seelenkonflikt in Angst 
und Verzweiflung gerät und dann weinend zur Mutter oder zum 
Vater läuft, um Beruhigung und Trost bei ihnen zu suchen, 
ändert sidi offenbar die nidit ganz verdrängte oder zurüdikehrende 
infantile PsyAologie auf religiösem Gebiet auch beim Erwachsenen 
in diesem am öftesten ersdieinendcn religiösen Trieb. 

Ebenso wie der religiöse Vaterkomplex einige Neben-^ 
gestalten der Hauptgestalt Gott=Vater aufweist, die sie in be- 
sonderen Schattierungen der Religionspsychologie ersetzen, hat 
auch der Mutterkomplex, der sidi in der Hauptgestalt der Mutter- 
gottes äußert, einige Abarten: das sind nämlich die etwas ver- 
schleierten Gestalten der Schutzengel, die jedodi alle in ihren 
Hauptzügen die Eigenschaften enthalten, die in der Hauptgcstalt 
des religiösen Mutterkomplexes hervortreten — Güte, liebevolle 
.Nachsicht, Sdiutz, Beistand. Es ist sehr bezeichnend, wie die 
religiöse Kunst die Engel sdiildert — stets in langen, sdineeweißen 
•Kleidern, die nach ihrem Sdinitt einem Frauennachthemd sehr 
ähnlich sind. Der Schutzengel in solcher Kleidung betätigt sich, wie 
es nach der Religionsliteratur sdieint, überwiegend nachts. Es ist 
daher nicht schwer zu erraten, woher diese Gestalt der Religions^ 
phantasie stammt. Es ist zweifellos die Gestalt der liebevollen 
Mutter, die nadits, bloß im Hemde, vom Bette aufsteht, zum 
Kinde eilt, sidi über sein Lager beugt, es in die Arme nimmt, 
hebkost, küßt und nährt. So deutlich und stark prägt sidi der 
einbildungsstarken infantilen Psychologie dieses Bild ein, das der 
Religionsinfantilismus später in den Himmel projiziert, d. h. 
personifiziert und symbolisiert. Darum sehen wir auf versdiiedenen 
Religionsbildern so oft den Platz des Schutzengels gerade zu 
Häupten der betreffenden Person - des heiligen Bruders, des 
kranken Kindes, des guten Christen auf dem Lager, da dieser 
Platz stets von der Mutter eingenommen wird, die ihr Kind 
hütet, beobachtet oder mit ihm plaudert. 

Bei der Analyse des psychisdien Inhalts des Vater= und 
Mutterkomplexes bei dem Kinde verwies idi darauf, daß die 
psych oanalytis die Doktrin unbestreitbar nadigewiesen hat, wie und 
warum diese psydiisdien Komplexe in gewissem Alter audi Züge 
der infantilen Sexualpsychik <Erotik> aufweisen,- d. h, der Vater 
und die Mutter sind die ersten Objekte, auf die sidi die besondere 




Zur Frage der psyAoIogisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 39 

rudimentäre infantile Libido projiziert/ diese trägt, wie idi oben 
erwähnte, durdiaus noch nidit die spezifisdien Züge der reifen 
Libido, die ja beinahe aussdiließlidi in den Sexualorganen kon= 
zentriert ist. 

Daß in den gemisditen psydiisdi=physisdicn Zärtlidikeits= 
äußerungen der Kinder Rudimente des Sexualgefühls enthalten 
sind, bezeugt die Tatsadie, daß dieselben Triebe bei dem Er- 
wadisenen NebenäuRemngen des Scxualgefühls sind, Anderseits 
ist audi darauf hinzuweisen, daß das Sexualnervensystem bei dem 
Kinde zum größten Teil, d. h. in seinen Hauptfunktionen, bereits 
im dritten Lebensjahre formiert ist. Es ist ferner bewiesen, daß 
,\ . bei einer künstlidien Reizung der Genitalien des Kindes bereits 

in diesem Alter bei ihm ein Hang zum Onanieren sidi ent= 
widielt\ was bekanndidi viele gewissenlose Ammen zur Beruhig 
gung des Kindes ausnützen, Selbstverständlidi bleibt die Libido 
bei dem Kinde audi bei künstlidier Reizung und vorzeitiger Kon^^ 
zentration des Sexualgefühls in den Sexualorganen dodi infantil, 
d.h. trägt den oben erwähnten und erklärten zerstreuten Charakter". 

In Anbelradit dessen, daß die Frage der infantilen Sexualität 
vorläufig nodi Widersprudi in der Psydiologie findet, besonders von 
Seite der Gegner der psydioanalytisdien Lehre, mödite idi diese 
Frage etwas ausführlidier behandeln, da das betreffende Seelen= 
gebiet eine widitige Voraussetzung für das Verständnis einiger 
komplizierten Ersdieinungen in der Religionspsydiologie bildet, 

Psydioanalytisdie Beobaditungen und Untersudiungen des 
kindlidien Sexuallebens haben festgestellt, daß infolge der intensiven 
Sensibilität des Nervensystems bei dem Kinde allerlei physisdie 
Einwirkungen auf den kindlidien Körper von Seite Erwadisener 
in der Form von Liebkosungen und Liebesäußerungen, 
die den Neigungen des Kindes entspredien, so z. B. das Streidieln 
des Kopfes und versdiiedener Körperteile, sogar das Tragen auf 
den Armen, begleitet von Küssen und Liebkosungen, besonders 
aber Küssen von Seite der vom Kinde geliebten Personen auf 
versdiiedene Teile des Körpers, Umarmungen, töriditerweise 
mandimal audi Kitzeln und andere mütterlidie Zärtlidikeiten, das 



' Die psycfioanalytisdie Kasuistik hat zahlreicfie Fälle eines bewiesenen 
Onanismus bei drei- bis fünfjäliriscn Kindern fcstgcstelil und dazu nidit selten, 
wie es scheint, ohne irgendweidien äußeren Einflul^, 

* Vgl. dazu die näheren Ausführungen im ersten Teil dieser Arbeit. 



40 Dr. Johann Kinkel 



ganze infantile Nervensystem und besonders die sexuellen Nerven^ 
Zentren lustvoll erregen. So wird beim Kinde die spezifisdie 
infantile Erotik gesdiaEfen und fortentwi dielt, weldie es selbst 
allmählidi kultiviert, sudit und fortpßanzt, und zwar durdi die- 
jenigen kindlidien Zärtlidikciten und Liebkosungen, die es seinen 
Eltern und anderen Nahestehenden gegenüber äußert. Entgeg= 
nungen, die unwissende Leute madien, diese ÄuHerungen enthielten 
>nod)« nidus Sexuelles, beweisen nur die Tiefe der Unwissenheit 
soldier Psydiologen. Gerade die unzähligen beobaditeten Fälle der 
perversen Sexualpsydiik bei Erwadisenen beweisen unumstoßlidi, 
daß es in diesen kindlidien Trieben bereits Elemente der Sexualität 
gibt. Die Gegner der Psydioanalyse in dieser Frage stehen eben 
auf dem veralteten, etwas wunderlidien Standpunkte, die Sexual^ 
psydiologie ersdieine beim Mensdien zur Zeit der Pubertät p!ötz= 
lidi, wie ein Deus ex madiina! Ein evolutionistischer Gesidits= 
punkt, der allein in der Physiologie und Psydiologie bei dem 
heutigen Stand der Natur= und Geistes wissensdiaften maßgebend 
sein kann, wird dagegen nadi den infantilen] Elementen 
des Sexuafgefühls fragen müssen und gerade dies hat zuerstFreuds 
psydioanalytisdie ForsAung getan. Diese Gegner sehen eben nidit ein, 
daß die infantile Erotik bei normalen Mensdien zum Teil ersetzt und 
zum Teil verdrängt wird von reifen Sexualtrieben und Äußerungen 
der Psydiik, die für den Erwadisenen bezeidinend sind, wenn 
audi ein gewisser Teil von den Formen der infantilen Erotik in 
der reifen Sexualpsydiik fortlebt. Wenn aber die infantile Erotik 
bei dem Kinde zu stark entwidtelt war und der Mensdi überhaupt 
im reifen Lebensalter im hohen Grade die infantile Psydiik bewahrt, 
d. h. konstitutionell nidit fähig ist, Züge und Eigensdiaften der reifen 
Psydiologie zu entwidtcln, dann wird audi sein Sexualleben im reifen 
Lebensalter hauptsädilidi oder aussdiließlidi in den Formen der in^^ 
fantilen Erotik zur Äußerung kommend Zum Beispiel ein Mann, 
der im 30. Lebensjahr heiratete, bis dahin ganz keusdi gelebt hatte, 
erwies sidi als ein vollständiger Impotenter ^ In seinem Bemühen, 
irgend ein Erreg ungs mittel zur Erlangung der normalen sexuellen 
Potenz zu finden, bemerkte er einst, als seine Frau ihn »wie die 

' Dazu gehört zweifellos audi aller perverse Sexualverkehr in der Form 
perverser Küsse und der vulgo als »französisdi« bezeidineten Liebe. 

' Dieser Fall i.'st mir freundlicfi von meinem Kollegen Dr. M. Nikoloff 
in Sofi-i mitffL-teilt worden, der den Mann ais Patienten behandelt hat. 



„/ 



Zur Frage der psyAoIogisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 41 

Mutter« liebkoste und zum Spaß ihn auf den Armen hob, da(5 
er sofort stark erregt wurde und die Fähigkeit zum normalen 
Sexualverkehr erhielt. Im folgenden erwies er sidi zum Sexual= 
verkehr fähig, wenn ihn vorher seine Frau eine Weile »Hudie= 
padis auf dem Rüdien trug und ihn naA der An der Mutter 
auf versdiiedene Weise liebkoste. Es ist klar, daß diese Lieb^» 
kosungen In seiner Kindheit für ihn eine stark ausgedrüdtte erotisdie 
Bedeutung hatten und auf diese Weise als ein widitiges sexuaU 
erotisdies Element audi in seiner reifen Sexualpsydiik verblieben. 
Und soldie Fälle, bloß mit etwas sdiwädier ausgedrüditen Formen 
der infantilen Erotik bei Erwadisenen <in der Form versdiiedener 
sexueller »Launen«) sind in der Tat unzählbar. Das Nervensystem 
des Kindes ist übrigens derart sensibel, daß sogar physisdie Ein- 
wirkungen auf seinen Körper in der Form von Sdilägen, als Eltern- 
strafe oft angewendet, die Sexualnerven erregen und Elemente 
der infantilen Erotik bei ihm hervorrufen, die später in der reifen 
Sexualpsydiik vererbt werden. Man weiß, daß in dem deutsdien 
Erziehungssystem, ganz besonders in kleinbürgerlidien Kreisen, 
nodi eine veraltete Sitte besteht, ungehorsame Kinder mit Ruten 
zu bestrafen. Bekannt ist demgemäß audi die ausgedehnte Klientel 
von Masodiisten bei Prostituierten, wobei das Bild der sexuellen 
Befriedigung offenkundig darin besteht, daß das Weib die Rolle der 
Mutter spielt, die ihr ungezogenes Kind mit der Rute bestraft, 
indem sie es damit auf gewisse entblößte Stellen sdilägt, unter 
den für den infantilen Masodiismus bezeidinenden Drohungen 
einer grausamen Mutter, 

Soldie Fälle nun, wo adit- bis zehnjährige Knaben, oft audi 
nodi jüngere, eine besondere Leidensdiaft zeigen, der Mutter oder 
irgend einer anderen weibiidien Person, gegen die sie freundlidi 
gestimmt sind, Hände, Beine, Brüste zu küssen, sind genügend 
und allgemein bekannt. Die entsdieidende Rolle spielt hier, wie 
sdion hervorgehoben, der erotisdie Mutterkomplex, der bei dem 
Kinde gewissermaßen sdion von den ersten Tagen seines Lebens 
an gesdiaffen wird, diejenigen spezifisdien Züge der infantilen 
Libido, die idi oben bezeidinete, entwidteln sidi bereits von dieser 
Zeit an, indem die Mutter mit ihren leidensdiaftlidien Küssen 
und Liebkosungen, gerade diese Züge fördert und entwiAelf, 
respektive damit die Libido des Kindes auf sidi fixiert. Eben 
darum ist es sidier, daß Personen mit pathologisdicr Sexual- 



'*2 Dr. Johann Kiiiltel 



psy6oIogie, die etwa homosexuell veranlagt sind, oder Subjekte 
des anderen Gesdiledits nur platonisdi^ideell zu lieben vermögen 
und gewöhnlich an Onanisraus leiden, soldie mit infantiler Sexual= 
psydiologie sind. <.. . n..; ;■ .- 

In dieser ganzen inzestuösen infantilen Sexualpsydiik, die 
historisdi^symbolisdi in der uralten Mythologie besArieben ist, näm- 
lidi in den unzähligen Überlieferungen betreffend die sexuelle Liebe 
unter den Göttern, sowohl zwisdien Vater und Toditer <Niktaeus 
und Nyktimene/ A!kmäon=Tisiphone,- Faunus=Fatua/ Thyestes- 
Pelopia/ Eeus=Persephonc und viele andere nodi) als aucfi zwisdien 
M^]itter_und Sohn <Rhea=Typhon/ Poseidon=Demeter,- Perseus=r 
Astarte,- TTerakIes=Omphale,. Ödipus^Jokaste,- Jupiter ^KybeJe^ 
Hephästos-Athene,- Freyr=Gerda u. a.)\ sehen wir wiederum 
einen Beweis dafür, daß das biogenetische Grundgesetz 
K wirklidi in der Soziologie, respektive Sozialpsydiologie seine Ent= 

A^ sprediung hat. Ebenso wie bei den primitivsten Naturvölkern 

in den entferntesten Seiten <bei den heutigen fehlt er> der Inzest 
vorherrsdite, d. h. ein Sexualtrieb zu Vater, Mutter, Brüdern und 
Sdiwestern vorhanden war <in der Mythologie abgebildet) als 
die direkte Erbsdiaft des Tierreidies, ebenso gibt es bei jedem 
Mensdien im Kindesaltcr Elemente von Inzestsympathien in der 
Sexualpsydiologie. 

Aus diesem Grunde kam die psydioanalytisdie Lehre zu der 
Überzeugung, daß das Kind gewisse Elemente des Sexualgefühls 
besitzt und kennt, bloß daß es bei normalen Erziehungsverhält= 
nissen und normaler psydiisdier Anlage, bis zu einem gewissen 
Alter, wenn nämlidi seine Konzentration in den Sexualorganen 
beginnt, jenen Charakter von »unsdiuldigen« Zärtlidikeitcn trägt, 
die gewöhnlidi den Eltern so sehr gefallen, da diese keine Ahnung 
davon haben, um was für Elemente es sidi hier handelt. 

Wenn nun der Elternkomplex zum Teil in der rudimentären 
Sexualpsydiologie des Mensdien nistet, in seinen erotisdien Trieben 
zum Vorsdiein kommt, d. h. ein Element=Objekt der infantilen 
Erotik bildet, so muß man mit Rüdisidit auf alles oben Erwähnte 
audi einen gewissen Zusammenhang zwisdien starken religiösen 
Gefühlen und Stimmungen bei einigen <NB. nicht allen!) Individuen 
einerseits und gewissen erotisdien Funktionen, Erlebnissen undVor= 

> Vgl. dazu Jul. Braun. Naturffcsdiidite der Sage. 1865. 2 Bde. (Sexuelle 
Liebe zwisdien Elicrn und Kindern in Göttergestaltcn. Stidiwonindex,) 




Sur Frage der psydiologisdicn Grundlagen und des Ursprungs der Religion 43 



Stellungen bei denselben Individuen anderseits feststellen. In soldien 
Fällen, z. B. wenn ein erwachsener, sonst durchaus normaler 
Mensch verhindert ist, seine Libido zu äußern, etwa wegen ver= 
schiedener psydiischer oder sozialer Gründe <z, B. besonders bei 
Frauen im Falle einer unglüdilichen Liebe, bei starker Fixierung 
der Sexualsympathien auf eine bestimmte Person, die gestorben 
oder untreu geworden ist, oder audi bloß wegen körperlicher Fehler, 
die eine Absage auch an die »freie Liebe« erzwingen, ebenso bei 
dem Altjung fern tum und der Furdit vor gesellschaftlichen Vor= 
urteilen), hat die Libido, wie überhaupt die mensdilithe Psydiik 
bei rettungsloser Lage keinen anderen Ausweg <vgl. oben S. 34 f.), 
als zurückzufliehen, d. i. zur infantilen Erotik und infantil= 
erotisdien Vorstellungen zurüdtzukehrcn. Gerade dort aber trifft 
diese zurückgekehrte Libido den psydiisch^sexuellen Vater= und 
Mutterkomplex und dann nimmt die Erotik und scfiließlidi auA die 
ganze Psychik einer solchen Person die Züge des Infantilismus an, 
eventuell in religiösen Formen. Aus dieser psychischen Rücii'' 
evolution erklärt sidi die Tatsadie, daß überhaupt unterdrüdcte 
sexuelle Funktionen und Triebe am häufigsten in intensiv religiöse 
Stimmungen und in eine besondere Frömmigkeit sich sublimieren,- 
und so konnten die PsyAologie und Psydiiatrie in letzter Zeit 
übereinstimmend feststellen, daß ein enger Zusammenhang zwischen 
sexuellen Evolutionen und Sublimierungen einerseits und religiösen 
Affekten und Stimmungen anderseits besteht/ mit anderen 
Worten: die menschliche Libido sublimiert sich am häutigsten in 
die Religionspsydiologie. 

Dazu gehören zunächst alle Fälle von intensiver ReIigions= 
Stimmung und Frömmigkeit bei alten Jungfern, gewöhnlidi Frauen 
von starkem Temperament, die oft mit dem Eintritt in ein Kloster 
und einer lebenslangen Widmung der leidenden Seele, an »den 
Gottes= und Christusdienst« endigen. Bemerkenswert ist, daß die 
witzige russisdie Volkssprache soldie fromme alte Jungfern »Bräute 
Christi« nennt'. Das Wiedererwachen und die Rüdikehr zum 
psydiischen Vaterkomplex in religiösen Formen unter dem Einfluß 
der in den Infantilismus zurüdtkehrenden Libido trägt hier oft 



' Beieidincnd ist es in diesem Sinne, daß aiidi ijei der lialliolisdieii Kirdhe 
die sehr alte Sitte besteht, daß die Frau, weldie in das Kloster eintritt, ein 
weißes Brautkleid anziehen und ein ganzes Zeremoniell ausführen muß, das ihre 
Vermählung mit dem Heiland symbolisiert, wobei sie auch hier während dieses 
Seremonieils als Braut Christi belraditet und bezeÜnet wird, 



V 



^ Dr. Johann Kinkel 



/ 



deutlidi ausgedrüdfte Züge der infantilen Erotik. In dem Kulms 
des Antlitzes Christi, in ekstatisdien, näditlidien, mehrere Stunden 
dauernden Gebeten vor dem Kruzifix oder dem Christusbild, 
in dem häufigen Küssen des Antlitzes oder des Kruzifixes^ 
niAt selten in Umarmungen des Kreuzes nebst leidensdiaftlidien 
Gebeten auf den Knien an Christus sieht man ziemlidi klar 
Äußerungen der infantilen Erotik hervortreten. Die ganze Geistes^ 
Verfassung soldier ekstatisA^hysterisAer Nonnen und alter Jungfern 
ist erfüllt von einer intensiv empfundenen und gepflegten Liebe 
zu Christus oder Gott dem Vater, und nidit selten ersdieinen bei 
solchen Personen unter diesem Einfluß innere und äußere Hallu= 
zinationen - Christus ersdieint oft in ihren Träumen, sie fühlen ihn 
bei der religiösen Ekstase neben sidi, er küßt und umarmt sie usw.^. 
Eur religiösen Sublimierung der Libido sind ferner stark 
geneigt alle Personen mit dem im reifen Lebensalter vollständig 
bewahrten sexuellen Mutter- oder Vaterkomplex, bei denen die 
Libido in infantilen Formen zurückgeblieben ist und die, ^Ä'ie man 
sidi in derVolksspradie ausdrüdit, einen inneren Absdieu vor dem 
normalen Sexualleben haben, respektive sidi nur ideell-platonisdi 
verlieben, keine Fähigkeit besitzen, Personen des anderen Ge= 
sdiledits anzuziehen und ihnen zu gefallen, und nodi dazu 
gciröhnlidi sidi durdi eine besondere Prüderie, Einsamkeit und 
Abgesdibssenheit von anderen Personen und von der Gesellsdiaft 
untersdieiden. Gerade soldie Personen füllen meist die Klöster 
und füllten sie besonders im Mittelalter, wo das Mönditum bei 
allen Klassen der Gesellsdiaft in hohen Ehren stand und infolge 
der tiefen Neigung zur Religion bei den Mensdien Eingang fand. 
Solche Individuen zeigen gewÖhnlidi in ihrer ganzen Psydiologie 
infantile Züge, d. h. ein Unverständnis für andere Mensdien und 
gesellsdiaftlidie Beziehungen, d. h. für die reale Wirklichkeit und 
eine Unfähigkeit, sidi dem Leben anzupassen, in Vereinigung mit 
einem beso nderen Idealismus des Denkens und Fühlens, als 

t,.n. .'„f^HV r'"''??'"?°^J"?'" "i£,i"^ A-'f-nerlisambeit i'n diesem Zusammen^ 

intenswes Sexualleben in seiner Jugenrf ffibrle und sid, später nach einer srarken 
See enkrise zum Monitum .lad .be.iso intensiver Frömmigkeit bekehrte. In diesem 
t^alie ist die religiöse Sublimierung einer stark etitwidtelten Libido ebenso deutlidi 
wie m Leo Tolstois Gestalt des Hei ligen Bruders, Vater Sergius, und sdilieRlidi 
u,/. P"^°"'"^*''^'t von Tolstoi selbst ~ einem Mensdien mit stark aus- 
gebildeter Libido, sehr ausgelassenem Leben in der (ugend und späterer intensiv 
religiöser und asketisdier Seelenstimmung, 



2ur Frage der psydioIogisAen Grundlagen und des Ursprungs der Religion 45 

Erbschaft der infantilen phantastisdien Psydiologie, die sie mandimal 
lädierlidi und hilflos in der Gesellsdiaft inadit und sie dadurch 
nodi mehr den Mensdien entfremdet, 

Es ist klar, daß Leute mir derartiger, auf allen Geistes» 
gebieten überhaupt bewahrter infantiler Psydiologie besonders 
dazu geneigt sind, eine spezifisdie Religionspsydiologie auszubilden, 
die bei ihnen eine einfadie und volle Transformation ihrer infan= 
tllen Seele darstellt, wobei in dieser Psydiologie, respektive in 
der Frömmigkeit, ihr Infantilismus einen Zufiuditsort und einen 
Boden findet, die völlig ihren seelisdien Eigensdiaften entspredien 
und ihnen eine Befriedigung und Beruhigung geben. Die Religions'' 
und Kulturgesdiiditc des mittelalterlichen Klosterlebens hat ja 
ziemlidi deutlidi Äußerungen der infantilen Erotik aufgezeidinet, 
die in den Religionsekstasen enthalten ist, die sidi im Kloster^ 
leben ereigneten. Ganz besonders symptomatisdi ist hier die 
diarakteristisdie Verliebtheit der Nonnen in das Antlitz Christi, 
die hysterisdie Ansdimiegung an das Kruzifix, rasendes Küssen 
des Antlitzes, der Beine, der Hände <besonders der mit den Nägeln 
verwundeten Steifen!) und offenbar ganz unverhülltc, Christus 
betfeffende Liebesträume <aLiebe Sdiwestern, Christus besuchte 
mi(h diese Natfit, idi war nachts seine Auserwählte!«, erzählen 
die entzüditen Nonnen unter sidi in den Klöstern), Ein ähnlidier 
erotisdier Kultus wird audi von Mönchen mit der Gestalt der 
Muttergottes getrieben, ebenso aber mit der Gestalt Christi und 
verschiedenen Heiligen, wobei die näditlichen hysterisdien Gebete 
auf den Knien bezetdinend sind, die viele Stunden hindurdi an- 
dauern, bis der erschöpfte Möndi das Bewußtsein verliert und auf 
dem Boden vor den Gottesbildern einschläft. Und audi hier 
ersdieint dann in den Träumen soldier Neurotiker die Gottheit 
und eröffnet ihm, er sei der wirklidie Sohn Gottes, ihr geliebtes 
Kind, sie berührt ihn, küßt und umarmt ihn usw.^ 

Besonders die Religionsliteratur der russisdien orthodoxen 
Kirche gibt viel dankbares Material für die Psydioanalyse in der 
uns hier interessierenden Richtung. Unter den vielen in dieser 
Beziehung lehrreichen Beispielen, die in dem »Leben der Heiligen« 
(Biographische Sammlung) angeführt sind, will ich auf zwei ver« 






' Vgl- dazu unter anderem audi die vorzüglidie, religiös-psydioanaly tische 
Arbeit von O. Pfister, »Die Fränimigkeit des Grafen Ludwig von Zinzen^ 
dorF« 1911. 



^ 



^ Dr. Johann Kinkel 



weisen: die Besdireibung des Lebens des heiligen Teodosius von 
Kiew und der heiligen Euphrosinia, »der Selbstmärtyrerin«. 

Aus der Lebensbesdireibung des heiligen Teodosius geht 
hervor, daß er bereits vom Knabenalter an besondere seelisdie 
Eigensdiaften zeigte, er sdieuie sidi stets vor anderen Kindern, 
spielte niemals mit ihnen und verweilte am liebsten bei der Mutter 
zu Hause, wobei er ihr behilflidi war und stets eine besondere 
Fügsamkeit, Gehorsam und Demut zeigte. Nadidem er volljährig 
geworden war, fand seine Mutler es für angebradit, ihn 2u ver^ 
heiraten, wählte ihm ein passendes Mäddien aus und in dem Be= 
streben, sidi ihm zu entfremden, ließ sie ihren Sohn in einem 
entfernten Orte heiraten und sidi zugleidi dort ansiedeln, Jedodi 
der heilige Teodosius entfloh bereits in der Brautnadit von seiner 
Frau und kehrte wieder zur Mutter zurüd, wofür er übrigens 
dann mehrere Male nidit gerade gelinde von dieser, wie es sdieint,- 
sehr energisdien Frau geprügelt wurde, Jedodi audi dieses äußerste 
Mittel half nidits und die Mutter des heiligen Teodosius ließ ibn 
sdiÜeßlidi in Ruhe und »kehrte sidi von ihm ab«. Von dieser 
Zeit an bemäditigte sidi seiner eine immer intensiver werdende 
Frömmigkeit und der Wunsdi, sidi Gott zu widmen. Er verläßt 
seinen Heimatsort, begibt sidi in einen wilden, diditen Wald und 
siedelt sidi dort in einer von ihm selbst erbauten Hütte an. Im 
folgenden wird sein religiöses Leben und seine leiden sdiaftli dien, 
ganze Nädite und Tage dauernden und den Körper ersdiöpf enden 
Gebete an Gott und Christus zwed(s »Vergebung der Sünden 
der Mensdien« gesdiildert, weldie dieselben typisdien Züge auf= 
weisen, die idi oben erwähnte. In den Träumen des heiligen 
Teodosius fehlt indessen nidit die Versudiung des Teufels, der 
übrigens den Heiligen audi während seiner langandauernden 
Gebete störte und zu verführen bestrebt war. Bezeidinend ist 
dabei, daß der Teufel sidi in die Hülle einer wundersdiönen 
nadtten Frau kleidete, »jedodi«, setzt sofort der Verfasser der 
Lebensbesdireibung hinzu, »gelang es dem heiligen Teodosius 
stets, durdi nodi eifrigere Gebete und Kniefälle das Teufelsgebilde 
zu versdieudien«! Dieselben Züge in der Geistesverfassung - 
Infantilismus, Entfremdung von den Nebenmensdien, Absdieu vor 
dem »Sündenleben« und besonders vor der »unreinen Männer= 
liebe« - weist audi die sonst hübsdie heilige Euphrosinia auf, 
was sie veranlaßt, die sündige Welt zu verlassen und sidi in 






X' 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 47 

einer Wüstengegend anzusiedeln, wo sie sirfi eine Hütte liersrellte, 
sidi nur von Früditen und Beeren nährte und ganze Nadite und 
Tage hindurdi in eifrigem Beten verbradite. Dodi ließ der 
absdieulidie Teufel audi die heilige Euplirosinia nidit in Ruhe und 
ihr Lebensbesdireiber erzählt ziemlidi ausführlidi, wie der Teufel 
die Gestalt eines sdiÖnen ]ünglings annahm, der um jeden Preis 
die heilige Euphrosinia verführen wollte, wobei jedodi alle seine 
Bemühungen in dieser Riditung audi hier gänzlidi fehlsdilugen. 

Es ist unzweifelhaft, daß wir es hier mit Individuen nidit 
nur von einer vollständig erhaltenen infantilen Geisteskonstruktion 
<es wird oft auf ihre »engelähnlidie Sanftmut und Milde« ^ ver^ 
wiesen) und mit ebensoldien psydiisdienEigensdiaften su tun haben, 
sondern audi mit Fällen eines zurüdvgebliebenen sexuellen Mutter«. 
oder Vaterkomplexes, der sidi im Absdieu vor dem normalen 
Sexualleben, in der Vergötterung der Mutter und in einem inten= 
siven Religionskultus der versdileierten symbolisierten Eltern- 
gestalten, mit infantil=erotisdien Zügen, äußert. Die »Teufelsver* 
führungen« und Ersdieinungen bedeuten hier, daß die rein physio- 
Iogisdi=sexuelle Entwiddung wohl vollendet war und daß die 
natürlidien Bedürfnisse ziemlidi drastisdi und stark zum Ausdrudt 
kamen,- jedodi spielte gerade der psydiisdi=erotisdie Elternkomplex, 
wie die Psydioanalyse sidi ausdrüdct, die Rolle der »Zensur«, 
verhinderte die normalen Äußerungen der Sexualpsydiologie und 
versdieudite das natürlidie physisdie Gefühl,- mit anderen Worten: 
die infantilen erolisdien und psydiisdicn Elterngestalten <in der Vor^ 
Stellung des heiligen Teodosius und der heiligen Euphrosinia ver= 
sdiiedene Gortesgestalten »die zu Hilfe kommen«) versdieudien 
den natürlidien Trieb <in der Vorstellung dieser Heiligen die bös- 
willige Madit, der Teufel). 

In seinem berühmten, in alle Spradien übersetzten Budie 
»Die Mannigfaltigkeit der religiösen Erfahrung« führt James, der 
moderne, wohl gründlidiste Religionsphilosoph, zahlreidie Beispiele 
der religiösen Ekstase audi in unserer Zeit an und legt ihnen eine 
besonders große Bedeutung in dem Religionsleben bei, wenngleidi 
er audi zugibt, daß soldien Ekstasen meistens Personen unterliegen, 
die sidi in nervöser und geistiger Beziehung nidit ganz im Gleidi- 



1 tWenn ihr nidit sanftmütig und milde wie die Kinder werdet, gelangt 
ihr niemals in das Himmelreidi Gottesa, versidiert das Neue Testament 

mehrere Male. ■ . - ■ v 



48 Dr. Jobann Kinkel 



gewicfct befinden. Nadi dem übereinstiinmencien Geständnis aller 
dieser Ekstatilter kommen sie zur Zeit einer soldien Ekstase »in 
den unmittelbaren Verkehr mit Gott«, sie empfinden ihn, fühlen 
ihn neben sidi, er spridit zu ihnen, gewährt ihnen Offenbarungen, 
und stets empfinden sie in sokhem Zustand überirdisdhe Wonne, 
himmlisdie Freude, Genuß undSelbsivergessen. Um den psydiisdien 
Geheimmedianismus soldier Erlebnisse zu erklären, mödite idi auf 
einen vorzüglidien Fall verweisen, der in unserer psydiologischen 
Gesellsdiaft zum Vortrag kam. 

Idi mödite nämlidi hier die interessante Sitzung der psydio^ 
logisdien Gesellsdiaft in Sofia erwähnen, in der Dr, Krstnikoff 
einen armen Geisteskranken D. vorführte. Dieser Zöjährige Mann 
litt gemäß der psydiiatrisdien Diagnose an einem akuten Größen^ 
und Verfolgungswahn mit einer, nadi meiner Meinung auch siditbar 
sidü bei ihm entwickelnden Paranoia, Er wähnt sidi Zar Boris der 
Fünfte, dem es von Gott besdiieden ist, Bulgarien zu erretten, er 
wandert nadits zum Denkmal des Nationaihelden Lewsky, bringt 
mehrere Stunden in Sdinee und Regen auf den Knien zu und 
legt hier seinen Eidsdiwur ab, dann begibt er sidi am närfisien 
Morgen in das Parlament, um hier vor den Abgeordneten eine 
Heidenrede zu halten, wird aber von der Polizei trotz heftigem 
Widerstände festgehalten. Von da an erst kommt er in ärztlidie 
Behandlung. Die psydioanalytisdie Diagnose stellt bei ihm zunädist 
eine typisdi=infantfle Geisteskonstruktion fest, nebst einem sehr 
entwidtelten erotisdien Mutterkomplex mit den Nebenzügen eines 
psydiisdien Vaterkomplexes in der Form versdiiedener Vater= 
ersätze, die er sich sdiuf, hauptsädilidi in Gestalt von allerlei 
Priestern und Diakonen, denen er anhing. Dr. MIaden Nikoloff, 
der ihn dann später einer gründlidicn Psydioanalyse unterzog, 
konnte bald feststellen, daß ein tiefwurzelndes Minderwertigkeits^» 
gefülil ihn bereits von den Sdiuljahren an verfolgte. Perverse 
Neigungen, Mensdiensdieu, Streitsudit, die Wegweisung von der 
Schule, Spott der Bekannten, die Unfähigkeit, irgend eine Tätigkeit 
im Leben zu beginnen, sidi einen Verdienst zu sdiaffen, all das hat 
ihn eine psydiisdie Kompensation sdiließlidi in Größenwahnideen 
suchen lassen. Im besonderen hat die vorzüglidie Psychoanalyse 
Dr. Nikoloffs sehr interessante Zusammenhänge zwisdien ver= 
sdiiedenen Religionssymbolen der diristlidien Kirdien undneurotisdien 
Vorstellungen und Wünsdicn bei diesem Patienten aufdedten können. 



2ur Fra ge der psyAologisAcn Grundlagen und des Ursprungs der Religion 49 

Auf versdiiedene von den 100 Reizwörtern |ungs reagierte 
der Patient ziemlidi unbedeutend, bloß auf eins — »die Türe« — 
»die Pforte« gab er rasdi folgende ganz ungezwungene Repro- 
duktion: Die Pforte, das ist die Kirdie — die Altanstüre — der 
Leib <Uterus> der Mutter, idi mödite wieder hinein und dann 
heraus,- wenn idi <so sdieint es mir!> durdi die heilige Altanstüre 
durchgehen <passieren> könnte <NB, nadi dem orthodoxen Ritus 
nur für Priester gestattet!), würde iifi der glüdilidisle Mensdi in 
der Welt sein, wie neugeboren, regeneriert und ohne Sünden, 
dann werde idi riditig leben können! Idi mödite, daß midi zwei 
Priester durdi die heilige Altanstüre durdiführen und modite auf 
dem Altar alle Religionsliostbarkeiten <Kreuz, Evangelium u. a,> 
küssen und midi trösten, aber idi Unglüdilidier habe ja kein Redit 
dazu, das kann nidit werden! Dann soll mir aber meine Mutter 
gestatten, ihre kostbaren Körperteile zu küssen <Brust und SexuaU 
Organe) und dann werde idi midi von ihr trennen können und ohne 
sie ein selbständiges Leben beginnen, wie idi es mödite, Idi sehe 
neben ihr im Traume oft Priester^ — ihre Kinder, und den Bisdiof 
— meinen Vater. <Nß. sein leiblidier Vater ist ein armer unbe- 
deutender Provinziallehrer.) Die Kirdie ist, wie idi mir mandi= 
mal vorstelle, die ganze Erde, worauf alle Mensdien lebend 
Dr. Nikoloff wirft ein: »Sie wissen aber woh!, daß es nadi dem 
Kirdienredite unstatthaft ist, die Altargeräte und Sakramente zu 
küssen und moralisdi ist es ja audi unstatthaft, Körperteile der 
Mutter zuküssen!«Der Patient nadi einigem Nadidenken: »Dann soll 
unsere ganze Familie neben ihr <der Mutter) sidi versammeln, wir 
Kinder werden dann alle unsere Sünden ihr gestehen und einander 
Abbitte tun, zum Sdilusse alle uns gegenseitig und die Mutter 
küssen, erst dann werde idi midi trösten können, beruhigen, ge^ 
sund werden und midi von der Familie trennen, mir eine Stelle 
sudien und ein Einkommen finden und weiter selbständig leben!« 

Nadi einigen weiteren Unterredungen konnte Dr. Nikoloff 
feststellen, daß das Grundmotiv dieses Neurotikers das Bewußt- 
sein von Sünden ist, die ihm seit der Geburt anhängen, er ge'" 

' Eine offenbare Identifikation der Mutter mit der Kirdic in der Psycho- 
logie des Neurotikers und audi des Urdiristeniums; vgl. die Schriften der ersten 
Kirchenväter und nodi die gegenwärtigen Ausdrüdte: »Trost bei der Kirdie 
sudien*, »in den Sdioß der KirÄe aurüdikcliren« u, a. 

~ Ebenfalls eine urdiristlidie Vorstellung, die dem Patienten sonst, als 
soldie, ganz unbekannt ist, resultierend aus der Mutter''Kirdie= Vorstellung. 



u 



50 Dr. Johann Kinkel 



Stand dabei, daß er in der Kindheit seine Sdiwester »gesdiändet«, 
mit einer Haushündin sexuell verkehrt, vicJ Onanie getrieben, 
aktiven und passiven homosexuellen Verkehr gepflegt hat, stahl und 
deswegen viel Vorwürfe von der Mutter anzuhören hatte, die ihn 
besonders quälten. Sein intimster Wunsdi, der audi in Träumen 
immer wieder sidi einstellte und nadi dem oben wiedergegebenen 
Gesprädi offen zum Ausdrudt kam, ist - wieder in den Uterus der 

Mutter zurüdzukehren,um wiedergeboren zu werden, wasmehrere 
Maie in Traumbildern und audi bewußten Phantasien folgendermaßen 
zum Ausdrudi kam und von ihm gesdiildert wurde: ich möchte in 
einen Sarg gebettet werden^ <er träumt oft davon!) und dann 
auferstehen, von allen Sünden gereinigt, um dann sündenlos 
<perversIos> weiterzuleben, rein, geredit, ruhig und glüdlid.1 

Um aber auf die Frage der Religionsekstase zur umzukommen, 
ermnern wir uns daran, was dieser Ncurotiker uns von seinem 
Relig.onseifer erzählt hat. Seine Frömmigkeit erreidite einen so 
hohen Grad, daß er sidi mit dem Ki reiben dicnste und ständigem 
Verkehre mit Geistlidien nirfit begnügte, sondern zu Hause 
selbst Messen und Abendgottesdienst abhielt, zu denen er 
stets audi die Mutter einlud. Stark erregt beschreibt er, welAe 
Wonne ihn erfaßt, weidi himmlisdie wunderbare Freude und 
Gluck s.d, seiner bemäditlgen, wenn er die Messe abhält, singt 
und betet. Auf meine und Dr. Nikoloffs Anfrage, was ihn an 
diese Wonne und Freude erinnert, womit er sie vergleidien könne, 
errötet er, sdiweigt und sagt dann zögernd, daß es sdiauerlidi 
wäre, dieses zu eröffnen. Auf unser Drängen gesteht er endlid., 
daß es dieselbe Wonne sei, die er früher bei sexueller Ekstase 
empfand, als er onanierte, bloß sei das religiöse Gefühl nodi 
feiner und entzüdiender <NB. Der Patient haßt die Frauen und 
verabsdieut den normalen Sexualverkehr!) Im weiteren teilte er 
mit, daß er »rein wurde«, nadidem er die Religionsekstase kennen 
gelernt und sidi ihr zum erstenmal hingegeben hatte. 

j. ' \Y^'' ^'^ ('■"P" neurotisdien TraumWeen und 'Wünsdien uralte mytho- 
logisAe Vorstellungen. <S. die Ausfülirungen über den religiösen Mutter^Erde- 
Komplex im ersten Teile dieser Arbeit.) 

- Es ist geradezu auffallend, wie fiier der gnnse Kreis der urcfiristlfdien 
Keligionsvorstellungen und Ideale sdiarf zum Ausdruck kommt. Die Grundidee 
von dem Sündenfall der McnsrfiJieit, dem Todes- {Märtyrer-) opfer und der Auf- 
erstehung des Menscfiensohnes für die Regeneration der Mens6heit respektive 
für das folgende sündenlose Leben in ewiger Wonne im Paradies, findet sidi 
in diesen neurotisdien Wafinideen vollständig wieder, 



Zur Frage der psydiologistfaen Grundlagen und des Ursprungs der Rdigion 51 



Es ist klar, daß es sidi in diesem Falle, wie in ähnlidien, 
bei James ausführlidi bcsdiri ebenen Fällen, um die unter dem 
Einflüsse infantiler Komplexe in Ekstase sublimierte Libido 
bandelt, ähnlidi der normalen Libido, 2. B. eines verliebten In- 
dividuums in sexueller Ekstase. Nämlldi, bei intensiver Äußerung 
und Empfindung ihrer Liebe zu den in versdiiedenen religiösen 
Formen symbolisierten Elterngestalten <bei dem Patienten D. wäre 
das der Messedienst) verfällt die religiös=sublimierte Libido natür- 
lidi in Ekstase und das ergibt dann bei dem betreffenden Indi= 
viduum diejenige Empfindung der Wonne, »der wunderbaren 
himmlisdien Freude« u. a., die die Stimmung audi des normalen 
Mensdien bei sexueller Ekstase auszeidinet. Eben deshalb 
taudite bei dem Patienten D, dieser Parallelismus (Assoziation) 
in dem Bewußtsein auf und es erfolgte der obenerwähnte be- 
zeidinende Vergleidi. Auf diese Weise gelange idi zu dem 
Siiilusse, daß jede re!igions=hysterisdie Ekstase eine Äußerung 
der sublimierten Libido in hocherregtem Sustande ist. Daß in der 
Tat die erwähnten göttlidien Gestalten - Objekte der religiös- 
sublimierten Libido - eigenilid) die versrfileierten Elterngestalten 
sind, zu denen unterbewußt die infantile Seele strebt, zeigen 
die vorzüglifben plastisdien Beispiele von James, der in seiner 
Naivität meint, er könne dem wlssensdiaftlicben Denken und be= 
sonders der psydioanaly tischen Weltansdiauung »die Vielseitigkeit 
der religiösen Erfahrung« nachweisen! 

Für unseren psydioanalytisdien Standpunkt ist es vor allem 
wichtig festzustellen, in weldien Formen, d. i. mit weldicn Motiven 

undEmolionen religiöse Gefühle und Stimmungen bei hysterischen 
Naturen begründet werden, bei denen stets soldie Triebe und Rudi- 
mente zum deutlidien Ausbrudi kommen, die bei normalen Subjekten 
tief verborgen und unterbewußt bleiben,- idi meine hier also die 
psych ologis dien Grundla^n des normalen Religionsgefühls. James 
führt in dieser Beziehung zahlreiche typisdie Beispiele an, so die Be- 
kehrung zur Religion, zur »flammenden Frömmigkeils von früher 
ungläubigen Leuten, die bis dahin geistig viel litten, mit dem Leben 
tief unzufrieden waren, melancholisdi gestimmt, unglüdlich usw,, 
daneben andere Fälle, wo ein besonders starkes Religionsgefühl 
gesdiiidert wird. Idi muß mich hier leider bloß auf einige besonders 
auffallende, genügend typische und diai'akteristisdie Beispiele be= 
sdiränken und kann unmöglidi viele andere hier anführen. Ich 



«* 



T 



52 



Dr. Johann Kinkel 



zitiere im folgenden die russisdie Übersetzung des Buches von 
James, die mir allein vorliegt: »Bis zum heutigen Tage«, sdhreibt 
eine Dame <es liandelt sidi um eine Neubekehrte, deren Vater 
ein Atheist war und sidi, wie es sdieint, ziemlich gleidigültig 
gegenüber sentimentalen Familienregungen verhielt), »kann idi nidit 
begreifen, wie man zur Religion leiditsinnig sidi verhalten und 
auf die Gebote Gottes nidit achten kann. In dem Augenblidi, 
als idi den Ruf meines himnilisdien Vaters vernahm, erbebte mein 
Herz in meiner Brust. Idi stürzte ihm mit erhobenen Händen ent- 
gegen und rief aus: ,idi bin hier, bin hier, mein Vater. - Was 
soll idi nun tun?' — ,Liebe midi!' — antwortete mein Gott <sic!> 
- ,Ja, idi liebe Didi, idi liebe Didi' - bradi idi leidensdiaftlidi 
aus. — ,Komm zu mir!' — rief midi mein Vater. - ,Ja, idi 
komme', antwortete mit Beben mein Herz, Konnte idi mir danadi 
irgend weldie Fragen vorlegen? - Gewiß nidit. Es fiel mir im 
weiteren niemals ein, midi zu fragen, ob idi genügend gut bin, 
oder über meine Unwürdigkeit nadizudenken, oder meine ße= 
Ziehungen zu seiner Kirdie klarzustellen, oder . . . irgend eine 
Genugtuung zu erwarten. - Eine Befriedigung! - Bin idi denn 
nidit vollständig befriedigt? - Habe idi denn nidit meinen Gott, 
meinen Vater gefunden? - Liebt er midi denn nidit? - Hat er 
midi nidit gerufen? - Gibt es denn keine Kirdie, die midi an= 
nehmen könnte? ^ Von dieser Zeit an erhielt idi immer direkte, 
von Bedeutung volle Antworten auf meine Gebete und das war 
einem Zwiegesprädi mit Gott ähnlidi, in dem idi seine "Worte 
hörte. Die Gewißheit der Existenz Gottes verließ mich seit 
dieser Eeit auf keinen Augenblick.« <Meine Sperrsdirift!) 

Ein anderes Beispiel: »Mandimal, wenn idi in die Kirdie 
gehe, nehme idi Anteil am Gottesdienst {erzählt ein tiefreligiöser 
Mann) und vor dem Sdiluß der Messe fange idi an zu empfinden, 
daß Gott neben mir, redits, anwesend ist, daß er mit mir singt 
und Psalmen liest <!) . . . Mandimal sdieint es mir wieder, daß idi 
ganz in seiner unmittelbaren Nähe bin, daß ich Ihn umarme 
und küsse . ,. Wenn idi die heiligen Sakramente am Altar ent- 
gegennehme, strebe idi danadi,. midi Ihm möglidist anzunähern, 
und tatsädilidi empfinde idi dann in der Mehrzahl der Fälle 
deutlidi seine Anwesenheit.« <Meine Sperrsdirift!) 

' Offenbar ein Mutterersatz bei dieser infantilen Seele, vgl. oben die 
Identifiltation der Kirdie mit der Mutter bei dem Neurotiker D. 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 53 

Ein drittes Beispiel: »Gott umgibt midi gleidi einer 
physisdien Atmosphäre, Er steht mir näher als mein eigener 
Atem. Idi kann budistäblidi sagen, daß idi in Ihm lebe und midi 
bewege, in Ihm existiere. Es gibt Stunden, wo es mir sdieint, 
daß idi vor dem Antlitz Gottes stehe und mir Ihm spredie. Ich 
empfinde dann Jemandes mächtige und äußerst süße An- 
wesenheit, die über mir schwebt. Manchmal habe ich das 
Gefüll], als ob dieser Jemand mich umarmt, in dem 
Willen, mich zu stützen.« (Meine Sperrsdirift!) 

Usw. usw. Bezeidinend ist dann unter weiteren Beispielen, 
die James anführt, noA ganz besonders seine Mitteilung über eine 
Dame, die ihm von dem Gefühle erzählte, das sie bei Gebeten und 
bei der Religionsekstase empfinde, nämlidi die wunderbare, wonnige 
Freude bei dem Gedanken, sie könne sidi stets an Gott ansdimiegen^. 
In allen den Beispielen, die idi oben anführte, und nodi 
vielen anderen, die zahlreidi in dem ganzen Budie des englisdien 
Religionsphilosophen zerstreut sind, sehen wir ganz deutlidi das- 
jenige, was jede Religionspsydiologie auszeidinet. In den von mir 
oben angeführten Beispielen aber <die übrigens nadi der Meinung 
von James selbst die bezeidinendsten für die Wahrheit der Gottes« 
erfahrung sind!), treten die infantil-erotisdien und infantiUpsydiisdien 
Erinnerungen und Bestrebungen, sublimicrt zu einem tiefen Religions= 
gefühl, ganz besonders deudidi hervor, ja sie sind hier geradezu 
augenfällig und das eben ist es, unter vielem anderem, was am 
besten unseren Grundgedanken beweist, respektive den in meinem 
Vortrag entwidtelten psydioanalytisdien Begriff der Religion. 

Interessante Formen von sexuelUreligiöser Sublimierung 
weisen intensiv ekstatisdie Religionsstimmungen gewisser Religions- 
sekten in Rußland auf. Bei diesen Leuten subliniiert sidi im 
Gegensatz zu den oben gesdiilderten Typen nidit die Libido in 
eine Religionspsydiologie, sondern umgekehrt, eine intensiv^religiöse 
Stimmung — Erregung, geht in sexuelle Orgien über, was nodi 
deutlidier beweist, daß tatsädilidi bei pathologisdier Psydiologie 
ein starker Zusammenhang zwisdien religiösen Exaltationen und 
sexueller Ekstase besteht, Idi meine hier die in Ostrußland ziemlidi 
stark <wenn audi geheim) verbreitete Religionssektc, genannt 

1 S. William James, Die Mannigfaltigkeit der religiösen Erfahrung. 
Moskau, 1910. Verlag der Seitsdirift »Russkaja Mysl.-j S. 61 bis 62, 63 ff., 
67, 72 der russisdien Übersetzung des englischen Textes. 



54 Dr. Johann Kinkel 




»Chlystowzi« oder »Chlysti«. Diese Leute, Männer und Frauen, 
versammeln sidi zur Abendzeit in einem geheimen »Gebethaus« 
und beginnen ein einstimmiges hohes Beten und Lobpreisen Gottes, 
Christi und anderer Gottesgestalten bei einer oder einigen bren» 
nenden Kerzen. Allmählidi steigert sidi die Religionsekstase bei 
allen Anwesenden, die zuerst stillen Gebete und »Ersdicinungen 
Gottes in der Seele« werden immer lauter und intensiver und 
werden von Lobgesängen abgelöst. Die zuerst in eine äußerste 
Religionsekstase verfallenen Personen beginnen mit hoher Stimme 
das zu predigen, was, in ihnen gegenwärtig, die göttlidie Macht 
spridit, und teilen ihre unzusammenhängenden Visionen, d, h, Ge^ 
sidits» und GehÖrshaüuzinationen, allen Anwesenden laut mit, 
wobei sie dann beginnen, in hötiister Ekstase in dem Zimmer zu 
springen und zu tanzen. Diese Ekstase erfaßt sdiließlidi alle An-^ 
wesenden, indem ein allgemeines Springen, Drehen und Tanzen 
beginnt, wobei die Leute Bewegungen ausführen, als ob einer 
hinter dem anderen herjage. In dieser ekstatisdien Erregung er^ 
lösdien die Kerzen <»von selbst« nadi dem Glauben der Sek^' 
tierer!) und dann folgt eine urwüdisige sexuelle Orgie zwisdien 
allen Anwesenden auf dem Boden, in voller Dunkelheit, mit uncer' 
sdiiedslos hetero- und homosexuellem Charakter. Darauf folgt 
ein tiefer trunkener Sdilaf bis zum Morgen und dann gehen die 
Sektierer auseinander ^ 

Diese bemerkenswerte Rüdievolution der in der Reiigions= 
psydiologie anfänglidi sublimierten Libido zurüdt In rein sexuelle 
Formen und überhaupt der enge Zusammenhang zwisdien Sexuali^ 
tat undReligionspsydiologie, der so klar bei den russisdien Sektierern 

' Hier liegt meines Eraditens eine Regression zu uralren Formen des 
sexuellTcligiösen Lebens vor, die nodi in der MythologTe und' altestenTCuItur«' 
ges'äiTdi't'e' erhalten sind. Im Frühling bei religiöseii 'Festen und Feiern der uni- 
versalen tJr^ottheiten Vater^Himmer'und Mutter=Erde (Regeneration der ganzen 
Natur: Bcfruditung der universalen Mutter durdi Sonnenstrahlen [PenissymholJ 
und Regen seitens des Vaters) tanite der Urniensdi in Reigen mit fcilden 
trunkenen Gesängen ganze Tage auf Wiesen, das erwadiende^Ceben und die 
Urcltern preisend. Am Abend begab sidi der ganze Sdiwarm in eine Höhle 
in der Erde in Form eines weib|idicn Se.xuaiorgans gegraben, gesdimüdtt mit 
Biumen und Blättern von außen <HaarsymboI) und hier folgte nun eine wilde, 
sexuelle Orgie unter allen Anwesenden die ganze Nadit hindurdi. Dieser 
Religionskultus äußerte sidi später in den auf der Insel Cypern lange erhaltenen 
Mysterien der Göttin Astarte-Aphrodite, wobei die Teilnehmer ungefähr die 
gleidien Handlungen ausführten und ähnlidie Orgien feierten. Vgl, zu dieser Form 
des uralten sexuellen Mutterltomplexes den geheimen Wunsdi des bulgarisdien 
Psydioneurotikers D,, in den Uterus der Mutter zurüdizukehrcn <be,sdirieber 
auf S, 45>. 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 55 

auftritt, ist mehr verborgen bei soltiien Typen wie den oben be= 
sdiriebenen heiligen Brüdern und den frommen Seelen von James. 
Unter Umständen kann er nur indirekt bewiesen werden, 
respektive ist er nodi tiefer verborgen, z, B. bei frommen alten 
Jungfern, vielen Möndien und Nonnen, bei denen die Sublimierung 
vollständig ist und die infantile Erotik nur in Religionsformen 
verhüllt zum Ausdrudt kommt. -v-- 

Die obenerwähnten Sektierer mit ihrer deutlidien Evolution 
der Libido zur Religion und zurück, die sidi beinahe an der Grenze 
der Psydioneurose befinden, stellen jedodi durdiaus keine psydio= 
logisrfie Ausnahme vor, sondern bilden sozusagen eine Einleitung 
zur gewöhnlidien, für viele irrsinnige Personen typisdien sexuell^ 
religiösen Psydioiogie. Sidierlidi ist vielen die psydioanalytisdi sehr 
interessante Tatsadie unbekannt, daß zirka 90 Prozent der an 
Hysterie, Dementia praecox und Paranoia mit sexuellem Motiv 
und Grundlage der Erkrankung <hauptsädilidi in Form infantiler 
Komplexe) Leidenden klar ausgedrüdue Religionsformen des\Vahn= 
Sinns aufweisend Jeder, der etwa die Besdireibung und Auf- 
zeidinung der religiösen Wahnvorstellungen Stimmungen und Bilder 
lesen würde, die bei den Kranken ersdieinen und von Ärzten 
notiert worden sind'', wird überrasdit sein, wie stark in diesen 
Wahnbildern bunt und roh durdieinander sexuelle Erlebnisse, Vor= 
Stellungen und Stimmungen mit religiösen vermisdit sind. Einigen 
Lesern mögen vielleidit die folgenden Beispiele und Ideen als 
Gotteslästerung sogar nodi im Munde des Psydhologen ersdieinen. 
Ein rypisdics Bild soldier Wahnvorstellungen ist zum Bci= 
spiel das folgende: Mutter-Dirne=Muttergottes. Die Muttergortes, 
die der Kranke eine Zeitlang mit allen Äußerungen eines tiefen 
religiösen Gefühls anbetet, verwandelt sidi in seiner Phantasie 
plötzlidi in ein vulgäres sdireddidies Weib, das ihn zu Tode 
küssen will, ihn martert und auf verschiedene Weise verfolgt, so 
daß er sidi nirgends vor ihr verbergen kann^. Weiterhin ver^ 

1 Das vrurde mir in einer SiTzung der psydiologisdieii Gescllsrfiaft zu 
Soiia von dem teliannten russisdien Psydiiater Prof. Dr. N. Popoff, jetzt in 
Sofia, bestätigt. 

* Vgl. z.B. die Ardiive der Züridier psydiiairisrfien Klinik »Burghölzli«, 
in die der Verfasser dieser Arbeit danli der liebenswürdigen Hilfe von Doktor 
Nelken einen Einblidt bekommen konnte. 

= Eine Äußerung der sogenannten Objektivierung und Projizierung eigener 
Gefühle und Triebe auf synibolisdie Gestalten bei Psydioneuroiikcrn. Im ge^ 
gebenen Falle leidet der Patient an einem ausgeprägten erotjsdien Mutter" 



56 Dr. Johann Kinkel 



wandelt sich diese Gestalt ebenso plötzlirfi oder audi am folgenden 
Tage in seine Mutter oder Sdiwester. Ein anderer zum Beispiel 
hat zufällig irgend eine Frau im Krankenhaus bemerkt, es war 
eine Ködiin oder Wärterin. In ernstem und sehr aufgeregtem 
Tone versidiert er darauf den Arzt, seine Mutter sei ersdiienen, 
um ihn zu erwürgen, zu erstedien, auf eine geheime Art und 
Weise zu töten usw. Die Aufregung und Wahnekstase steigern 
sidi unter dieser Überzeugung immer mehr und es beginnt das 
Delirium bei ihm. Er kniet nieder und betet zur Muttergottes 
einige Stunden nadieinander mit starker Rehgionsekstase und unter 
den Äußerungen der gewöhnHdien infantilen Erotik. Nadi einiger 
Zeit tritt die Reaktion ein. Der Patient bridit in ein dämonisches 
Lachen aus, bespudit das Objekt, das für ihn die Muttergottes 
darstellte, besdimutzt es mandimal mit Exkrementen und bedenkt 
die Muttergottes mit den zynisdisten Besdiimpfungen und Flüdien, 
worauf dann nodi Toben und Raserei folgen. Dann tritt gewöhn^ 
Ifdi rasdi das Selbstvergessen und ein tiefer Sdilaf und Ruhe ein 
bis zum nädisten Anfall, wobei der äußere Anlafi wiederum irgend 
eine zufällige Assoziation mit dem Mutterbilde ist '. Bei sdi wacheren, 
nicht tobsüchtigen Naturen wird die Raserei und das Toben ge= 
wohnlich durch intensive Angst und Verfolgungswahn ersetzt und 
zwar wiederum die Muttergottes betreffend, bis zu der Stunde, 
■wo der erschöpfte, unter das Bett verkrocfaene und mit Dedten 
und Bettlaken sich umwidtelnde Kranke ebenfalls einschläft. 

Die Gestair Gottes und Christi bei Kranken männlirfien 
Geschledits ist stets eine Schrecicens macht mit hartnäckigen homo^ 
sexuellen Bestrebungen gegenüber dem Kranken, vor der er sich 
absolut nicht retten kann. Diese Macht wird ihn erwürgen, den 
Leib zerfleischen, vergewaltigen. Das ist eine Reihe von Vor- 
stellungen, Jedodi ersdieint stets daneben in anderen Stunden bei 
diesen Patienten eine ausgeprägte Religionsstimmung: Sie halten 
ganze Messen ab, singen Psalmen und Gebete, identifizieren sidi 
mit Geistlichen,- sagen lange, von ihnen ersonnenc Gedichte her, 

komplex, der sich umgekehrt in seiner Phantasie abspiegelt. Die Objektivierung 
unci Projektion ist hier durch den Einfluß der Eensur in seiner Psydiofogie be» 
dingt. Unbewußt strebt er selbst danaifi, in bezug auf seine eigene Mutier 

' Es ist bekannt, daß im Mittelalter und audi heute norfi ungebildete 
Leute soldie Wahnvorstellungen als Äußerungen der Teufelsmadit erklären, die 
durch den Mund des Kranken die Himmelskräfte besdiimpft. Daher der Aus» 
druck für soldic Kranke: »Besessen von dem Teufel.« 



Zur Frage der psycfcologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 57 

die göttliclien Mädife lobpreisend. Oft kommt es auA vor, daß 
die den Kranken sexuell verfolgenden Hinimelsmädite äußerlidi 
nidit diejenigen sind, die er anbetet, und nur gewisse gemeinsame 
2üge, respektive norfi das Delirium des Kranken beweisen, daß 
es dieselben Gestalten sind, die er anbetet. Eine nähere Psydio= 
analyse, soweit sie gelingt, stellt beinahe immer fest, daß diese 
Gestalten einen versdileierten erotisdi^-psydiisdien Vaterkomplex 
darstellen. 

Bei Frauen dienen die Gestalten Gottes und Christi ge« 
wöhnlidi als Objekte ekstatisdier Religionsstimmungen, die einige 
Tage dauern. Die Kranke verweilt auf den Knien mehrere Stunden, 
weint, flüstert Gebete, küßt die Phantasiegestalt, worauf dann 
ebenfalls eine Periode von Verfolg ungs Vorstellungen in rohsexuellem 
Sinne folgt, manchmal bildlidi: »man will mich padien, mit Um^ 
armungen erwürgen, mir den Leib mit feurigen, sAredilidien SexuaU 
Organen zerfleisdien« usw. Die verfolgenden Mädite sind sdiwarze 
Geister, mit menscblidien, aber audi tierischen Zügen <am häufigsten 
Stiere!)*, manchmal gemischt, in großer Anzahl, begabt mit über= 
natürlidien Kräften und Fähigkeiten, sdilau wie die Teufel und 
überall ihr Opfer erlangend. Es ist geradezu überraschend, wie 
diese Wahnvorstellungen den Beschreibungen von LuEifer und den 
Teufelsmäditen in der Hölle ähneln, die von den diristlidien 
Kirchen im Mittelalter aufgezeichnet sind und mit genauen Zügen 
in den mittelalterlichen Literaturerzeugnissen wiedergegeben werden 
<vgl. z. B. die HöHenbesdireibung von Dante). Es fehlt hier weder 
der »ekelhafte GeruA«, der von diesen Geistern verbreitet wird, 
nodi deren sdiwarze Haare und versdiiedene Sdiredtensinstrumente, 
mit denen sie ihr Opfer stechen und kneifen. 

Ein anderer Typus der sexuell-religiösen Psychose bei Frauen 
ist der stille, mit den in der Phantasie der Patienten bereits 
gesdiaffenen Kompensalionsgestalten. Auch hier gibt es zunädist 
eine Phase der religiösen Gebetekstase, die Tage und Nächte dauert, 
mit Beten, Weinen, Knien, Küssen usw. Darauf folgt ein be= 
stimmtes Gefühl bei der Kranken, daß die göttlidie Macht <am 
häufigsten Christus — das Symbol der Liebe) ihre Gebete und 
Rufe erhört hat und zu ihr vom Himmel zu Liebeszwecken herab= 



' Es ist bemerkenswert für den Paralldismus der Psydiologic des normalen 
Mensdien im Traume und der des Psydioneurolihers, daß der Stier das gewöhn- 
lidie Sexualsymbol in den Träumen normaler Frauen ist. 



\ 



58 Dr. Johann Kinl^el 



gestiegen ist. Nun folgt eine Periode der phantastisdicn sexuellen 
Ekstase mit der Gottesgestalt, Die Patientin liegt auf ihrem Lager 
mit gesdilossenen Augen, mit seelig siiinlidiem Lädieln flüstert 
zärtlidie Worte: Christus iiegt bei ihr, küßt sie, umarmt sie, 
besdiränkt sidi aber, wie es steint, stets auf sold-.e unsAuMige 
Liebkosungen und versdiwindet endlirfi, worauf das übÜdie Selbst- 
vergessen und ein umnachteter Sdilaf bei der Kranken folgt. Es 
ist klar, dafi bei soldien Individuen die infantiUrotisdien Triebe 
sidi bereits eine phantastisdie Kompensation und ein Befriedigungs= 
Objekt gefunden haben. Ebenso zweifellos ist es aber audi, daß die 
Psydiologie dieser Neurotiker sich von der der oben besdiriebcnen 
Nonnen - die Christus in Liebesbildern träumen - nur durdi 
eine entwidieltere infantile Psydiologie, d. h. vollkommenere, aus-^ 
gebildetere symbolisdi-phantastisdie Psydiik und den völligen 
Verlust des Bewußtseins für die reale Wirklidikeit untersdieidet, 
Alle diese EypischenBeispieledersexueIl=reIigiÖsenPsydiose, 
die idi oben in ihren kürzesten und widitigsten Zügen wieder- 
gegeben habe, bc'K'eisen überzeugend, daß in der Tat die infantile 
Libido bei den Elterngestalten fixiert ist, ferner, daß die infantile 
Erotik und erotisrfie Vorstellungen in gewissen Fällen sidi patho= 
logisdi im reifen Lebensalter erhalten und Psydioneurosen herbei- 
führen und sdiÜeßlich, daß diese pathologisdi zurü dagebliebene 
Erotik sidi am häufigsten in religiösen Gestalten und Symbolen 
ausdrückt,' eben deshalb, weil das Religionsgefühl in seinen Grund= 
lagen einen Widerhall der infantilen Psydiologie bei dem Mensdien 
darstellt. Die infantile Erotik der Psychoneurotiker, die 
die Reproduktion der Elterngestalten als erwünschtes 
Objekt sucht, schafft sie sich in denselben Symbolen, 
Gestalten und Formen, wie die infantile Psychologie der 
Menschheit, die die ideellen Gestalten des Vaters, der 
Mutter und der ganzen Familienordnung auf den Him- 
mel, respektive die Weltordnung projizierte, d. h. in 
»religiösen« Formen. Das ist das Gesetz von der Gleich- 
heit in der geistigen Schaffung bei Identität der psychisch- 
schaffenden Grundlagen <Infantilismus). (Lidividuum und 
Gesellsdiaft.) 

Dieser Parallelismus in dem geistigen Sdiaffen zwisdien dem 
sozialen Infantilismus <d, h, der sozialen infantilen Psydiologie) 
und dem individuellen bei Subjekten mit einer Psydiik, die eine 



Sur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 59 

pathologisdie Grundlage hat <invertierte), geht soweit, daß es eine - 
Identität in dem ganzen Kreise von ideellen Vorstellungen und 
Gestalten gibt, die sidi in der religiösen Sozialpsydiologie und 
parallel in der individuellen <hysterisdien, paranoisdien) entwidteln. 
Meine psydioanalytisdien Freunde Dr.joh. Nelken in Züridn und 
Dr, MIaden Nilioloff in Sofia haben ganz selbständig und un^ 
abhängig voneinander meine Aufmerksamkeit auf die auffallende 
Tatsadie gelenkt, daß die Ideologie der Psydioneurotiker stets drei ' 
Stadien in ihrem System aufweise »drei das Sdiidtsal entsdieidende 
Momente«, wie die Patienten sidi selbst ausdrücken. Erstens — 
der Sündenfall {sexuelle und geistige Perversitäten), zweitens — 
Bestrafung (geistige Leiden im Leben, Mißerfolge und Miß- 
gesdiidic, Selbstqiiälereien)/ drittens — die Regeneration, die 
»Auferstehung« zum neuen {norma(en) Leben. Dieser ganze 
Vorstellungskreis ist nun audi für die diristlidie Ideologie typisdi, 
nänilidi fijr den Begriff des mystisdien Sdiidtsals des Mensdien= 
gesdiledits. <Der Sündenfall von Adam und Eva und die Ver= 
treibung aus dem Paradies/ die Bestrafung — d.i. das irdische 
leidenvolle Leben der Mensdiheir,- die Auferstehung zum neuen 
Leben im Himmelreiciie der geretteten Mensdiheit.) Die psycho^ 
analytische Soziologie wird daraus den Sdiluß ziehen, daß die 
Psydioneurotiker philosophisch ebenso fühlen und denken wie die 
infantile menschlidie Gesellschaft zur Zeit des Urdirlstentums und 
noch, früher, da dieser Vorstellungskreis sidi in seinen Grund- 
zügen schon in dem Alten Testament und in den älteren Religionen . , 
der Ägypter, Inder, Babylonier, ja in Rudimenten bereits in der j ^ 
Mythologie der Naturvölker vorfindet. 

Nun spielen aber die verschiedensten Religions-" (Gottes-) 
gestalten bei den heutigen und mittelalterlidicn Psychoneurotikern 
ihnen gegenüber eine aktive sexuelle Rolle gerade wegen erotisciier 
Sympathien und Triebe, die bei ihnen den Eltern gegenüber stark 
entwidielt waren und später zurückgeblieben sind. Bei der in 
psydiisdier Beziehung infantilen Mensdiheit, die die diristliche 
Religion schuf, war dagegen die infantile Erotik zum größten Teil 
schon lange verdrängt und deshalb finden wir dort nur rein 
psydiisfhe InFantilismcn. Niditsdestoweniger gilt audi auf diesem 
sexuell -^psydhischen Gebiete in vollem Umfange das biogenetische 
Grundgesetz, denn eine am stärksten ausgedrückte, intensiv-^sinn« 
lidie und in unserem modernen Sinne audi perverse, infantile 



^ Dr. Johann Kinkel' 



Erofk finden wir in den älteren Religionen, die von der ägyptisch. 
Sabylcn-sdien und persischen Kultur gesdiafFen waren. So z. B 
besonders in der Religion (Mysterienkultus) der Göttin Astarte' 

uhrhd. ,n der deutschen und französischen religionsgesAt Etlichen 
Literatur beschrieben ist. 

. ^. ^' g''^^ """ aber auA in der normalen Psychologie gewisse 
ge,st.ge unwillkürlidie Äußerungen, in denen unbewußt der Zu- 
sammenhang sexueller Regungen und religiöser Stimmungen, der 
sonst m der Tiefe der Seele verborgen bleibt, .um Ausdruck 
kommt. Für den psydioanalytisd>en Gesichtspunkt ist es nämlidi 
unzweifelhaft, daß es d.rdiaus nidit zufällig ist, wenn die stark 
idealisierte und leidensdiaftlidie sexuelle Liebe sehr oft sowohl in 
der Diditung als audi in der Volksspradie aller kulturellen und 
niditkulturellen Völker sid, des Ausdrudes - »vergöttern« >in 
den Himmel heben«, bei den slawisdien Spradien .obogotworjat« 
^ohosAawam« usw., bedient. Der psydiologische Zusammenhang 
zwisdien ideeller <vuIgo - romantisdier) sexueller Liebe und der 
Religionsterminologie {respektive -Vorstellungen) besteht nun darin 
danieder Idealismus (Romantismus) überhaupt und der sexuelle im 
besonderen seine letzte Grundlage doch im Infantilismus <Phan= 
tasmatismus), respektive in der infantilen Erotik, d. h. im Vater- 
und Mutterkomplex hat. In meinen Ausführungen habe idi nun 
an der Hand mehrerer Beispiele nadigewiesen, daß der EItern= 
komplex bei dem Erwarfisenen gerade in der Gestalt von ver- 
schiedenen göttlidien Mächten, d. h. in Religionsfarmen und -Vor- 
stellungen zum Ausdrudt kommt. Deshalb ersdieinen eben idealistisdie 
Gefühle und Stimmungen der Libido stets in Religionsformen Es 
ist nun durAaus bezeidinend, daß die Völkerpsydiologie diesen 
Kehgionsausdrudi aurf, jeder anderen starken (aber wiederum 
idealisierten) Liebe beilegt. Dem ist so, weil der psychoIogisAe 
Inhalt m dem Religionsgefühl und in einer starken Neigung und 
Synipathie zum anderen Mensdien, den man als Ideal, als eine 
Vollkommenheit empfindet, derselbe ist. Eine soldie Stimmung 
und Idealisierung ist wiederum ein Abklang des Eltern komplexes 
in der Seele des Mensdien, denn alle Vorstellungen von ideellen 
Menschengestalten mit ideellen Eigenschaften (respektive nur 
einer die besonders anziehend ist!) erwirbt der Mens di in der 
Kindheit als Transformation oder Ob/ektivierung der Elternliebe 



2tir Frage der psyAotog isdie» Grundlagen und des Ursprungs der Relision 61 

und des Elternumgangs <d. h. der Liebkosungen u. a. m^ in 
seiner Psychologie und diese bleiben für immer in seinem Un- 
bewußten erhalten. Somit gibt es in jeder ideellen Neigung zum 
anderen Rudimente des Elternkomplexes und deshalb kommen 
dann unumgänglidi in der Psydiologie audi Religionsvorstellungen 
zum Ansdrudi. 

Idi habe midi bei den letzten Beispielen zur Lösung des Re» 
ligionsproblems in der Seele der Gesellsdiaft reidili6 der Psydio» 
logie der Psydioneurotiker bedient. Das war aber nidit Willkür, 
sondern die Anwendung der vergleichenden Methode auf Grund des 
von der psydioanalytisdien Psydiologie entdedaen Gesetzes der 
Regression. Unser großer Meister Freud hat es zuerst fest- 
gestellt, und seine Nadifolger haben später vieffadi bestätigt, daß 
die Psydiologie der Neurotiker zu jenen Denk= und Gefühls^ 
formen zurüdikehrt, die für die Psydiologie der mensdilidien Ge^ 
sellsdiaft in längst vergangenen Zeiten bezeidinend waren <Sym- 
bolismus, Phantasmatismus, Infantilismus, Objektivierung innerer 
Gefühle und Regungen), Diese für die Sozialwissensdiaften 
epodiemadiende Entdeckung bedeutet nun, daß wir fortan die 
tiefeten und verborgensten Geheimnisse der Sozialpsychologie 
auf Grund einer sorgfältigen Psydioanalyse der psycho neu rotisdien 
Seele und durdi Aufdediung ihrer Symbole ebenfalls zu enthüllen 
vermögen. Um bei den Tatsadien zu bleiben, mÖdite idi an den 
merkwürdigen Fall der Lehrerin M. aus der kleinen nord- 
bulgarisdien Stadt W, erinnern. Vor ihrer Erkrankung war sie 
eine tüditige Lehrerin, sie war sozialistisdi gesinnt, besaß höhere 
Bildung, ihre Weltansdiauung war durdiaus rationalistisch. Ja 
materiatisiisdi und sie hatte niemals etwas mit Religion und 
Religionsstimmungen zu tun gehabt. Erinnern wir uns weiter 
der vorzüglidien psydioanalytisdien Diagnose unseres Freundes 
Dr. Krstnikow und des nicht minder vortrefflidien Beridites Dr.M. 
Nikoloffs. Was erfuhren wir daraus? ~ Diese Frau von 
35 Jahren, mit zwei Kindern, verheiratet, erkrankte geistig bald 
nadi dem Tode ihrer Mutter. Sie fing an, sidi Vorwürfe zu machen, 
sie hätte die alte Mutter nidit genügend gepflegt, sie hätte sie ver-^ 
naihlässigt, sie habe ihren Tod verursacht. Von da an hatte sie 
keine Ruhe mehr/ Mann und Haus wurden ihr verhaßt und bald 
darauf bemäditigte sidi ihrer eine tief religiöse Stimmung. Sie 
»erkannte die Existenz Gottes«, sie betete viel zu Gott, sie war 



62 Dr. Jobann Kinkel 



erfüllt von dem Empfinden der Liebe zu ihm, der geistige Verkehr 
mir Gott wurde ihr einziger Trost. Die weitere Entwid<lung der 
Paranoia bei ihr schuf aber bald in ihrer Religionsphanfasie eine 
neue Gestalt, die des Teufels, die später gänzlicb die Gottes* 
gestalt verdrängte und sozusagen den Platz der letzteren völlig 
einnahm. Der Teufel verfolge sie und ihre beiden Kinder und 
traAre danadi, sie zu martern und umzubringen. Er habe das 
Aussehen eines riditigen Teufels, wie er auf orthodoxen Kirdien- 
bildern gezeidinet ist, und er vermöge ihr und den Kindern alle 
Marter zu verursadien, die die Inquisition ausgedadii hat, von 
der sie einmal in einem Budie las. Der Teufel quält übrigens nicht 
nur sie, sondern die ganze Welt vom Beginne der Gesdiidite der 
Mensdiheit an und wird das bis zum Ende der Welt fortsetzen, 
ebenso wie er audi ihre Kinder lebenslang martern wird. Um' 
diese als Scbutzengel zu sdiirmen, hatte sie sidi ganz unwillküilidi 
und unbewußt einen besonderen Teufelskultus geschaffen und das 
Verspredien (Scbwur) gegeben, sie werde an die Macht des Teufels 
glauben, am Mittwodi und Freitag <nadi der alren orthodoxen 
Sitte!) fasten, von 2 bis 6 Uhr nidits genießen und niemals Böses 
von ihrem Manne reden oder denken, ihn audi nidit mehr 
ärgern, sonst werde der Teufel sie und ihre Kinder weiter ver'' 
folgen und martern. Der Teufel habe es ihr aber streng verboten, 
jemandem zu sagen, was er ihr eröffnet habe, und in der Tat 
konnten die Arzte sie durch nidits dazu bewegen, die Teufels« 
geheimnisse zu eröffnen. , ., 

Wahrhaftig, als idi ihre näheren Ausführungen über Gott 
und Teufel, die nun ihr ganzes Seelenleben ausmaduen, in den 
Beriditen unserer Freunde anhörte, glaubte idi einen mittelalterlichen 
Religionstraktat oder die Religionsphilosophie irgend eines mittel* 
alterlicäien Kirdienvaters vor mir zu haben - so auffallend war 
die ÄhnlidikeitI ^ Erinnern wir uns ferner der ergreifenden Szene 
im Berichte Dr. Krstnikoffs, wie sie mir ihrer Krankheit kämpfend 
bei einem Besuche ihn an der Hand ergriff and ausbrach: »Lieber, 
guter Herr Doktor, beweisen Sie mir, überzeugen Sie mich nur, 
daß es keinen Teufel gibt, der midi quält, und i(h werde wieder 
gesund!« 

Es war nun nicht besonders schwer herauszubringen, was für 
ein Symbol der Teufel war, Das war der von ihr innig gehaßte 
Mann, den sie nadi ihrem eigenen Geständnis niemals geliebt hatte. 



Zur Frage der psyAoIogisdien Grundlagen unif des Ursprungs der Religion 63 

der sie immer mit widerlichen Mannesbegierdeii verfolgte <NB. 
Die Patientin gestand, daß sie niemals etwaige »rohe« sexuelle 
Triebe empfunden habe. Sie habe stets »idealistisdi« von der Liebe 
gedadit: sie meinte einst, sie hätte sidi in ihrem Manne bitter 
getäusdit, er habe ihren Idealismus »betrogen«). Der Mann habe 
sie audi, wie sie öfters versidierte, viel mißhandelt <was in der 
Tat, -wie es sdieint, mehrere Male nadi ihrer Erkrankung vor^ 
gekommen ist!). Sie hat dann einmal den Versudi gemadit, sidi 
mit ihren Kindern in die Donau zu werfen, um ihrem Leben ein 
Ende zu madien, wurde aber aus dem Wasser gezogen. 

Viel schwieriger war es, das zweite Symbol - die gute 
Gestalt Gottes aufzudedien, dodi ist es der psydioanalytisdien 
Bemühung unseres Freundes Dr. Mladen Nikoloff sdiließlidi 
gelungen, nadi langer Mühe audi dieses Rätsel zu lösen. Die 
Anwendung der Assoziationsmethode Jungs ergab hier sofort 
heftige Widerstände bei der Patientin <im Gegensatz zu dem auf- 
fallenden Erfolg derselben Methode bei Aufklärung des Teufel^ 
Symbols) und Dr. Krstnikoff blieb dabei, es handle sidi hier im 
letzten Grunde um einen komplizierten Mutterkomplex. Dr, Nikoloff 
forsdite indessen weiter und es ergab sidi folgendes; Die Patientin 
gestand ihm einmal, sie erleide eigentlidi von ihrem Manne das- 
selbe Sdildisal wie ihre eigene Mutter von ihrem Vater. Er habe die 
Mutter ebenso gemartert und sie (Patientin) haßte ihn deswegen 
als Kind immer. Im weiteren stellte sidi heraus, daß die Patientin 
sidi in niandiem mit der Mutter identifizierte, und zwar vielfadi so 
phantaslisdi, daß mandie Sünden, die sie auf Konto ihres Mannes 
setzte, tatsädilidi ihrem Vater zuzusdireiben waren. Wie sie nämlidi 
erzählte, war ihr Vater gegenüber der »armen, lieben Mutter« ein 
roher Egoist, er habe sie genau so »wie mein Mann midi« behandelt. 
Dr, Nikoloff fragte sie, ob sie denn niemanden in ihrem Leben 
geliebt habe, respektive verliebt war, wenn ihr der Mann »sdion 
von den ersten Tagen an verhaßt wurde«. Das weitere Gesprädi 
zwisdien Dr. Nikoloff und der Patientin lautete, wie folgt: 

Dr. Nikoloff: Wie es sdieint, haben Sie die Liebe und 
den Glauben an ihren Vater und dann an ihren Mann durdi die 
erwähnten Widerwärtigkeiten endgültig verloren! 

Die Patientin; Ja, das wird der Grund gewesen sein. 
Dr. Nikoloff: Haben Sie nidits anderes Wertvolles jemals 
in ihrem Leben eingebüßt? 



64 Dr. Johann Kinkel 



Die Patientin (Nadi kurzem Zögern): Ja, etwas, \ras ich 
eigentlidi niemals besessen habe, idi hatte nämlidi eine einzige 
und dabei unglüddldie Liebe gehabt ... 

Dr. Nikoloff; Wie kam das zustande? 

Die Patientin: Ich war damals noch jung und war Lehrerin 
in einem Dorfe zusammen mit einem älteren verheirateten Kollegen, 
der audi Kinder hatte (offenbare Analogie mit ihrer Familie, als 
sie Kind war!) Er war aber so außerordentlidi gütig, aufmerksam 
und zärtlich zu mir, wie der Vater, und da fühlte ich, 
daß ich ihn richtig, vom ganzen Herzen liebe, und auch er 
liebte midi ... Da nun aber diese Liebe vollkommen hoffnungs- 
los war, habe idi sie unterdrückt, erstickt und später vergessen, 
aber idi weiß wohl, damit habe idi meinen Appetit, mein WohI= 
befinden und auch meine Gesundheit verloren.« (Die Patientin 
ist stark unterernährt, mager, blaß und leidet an vorgeschrittener 
Anämie). 

Nun versudite Dr. Nikoloff wieder und sehr vorsichtig, 
die Assoziationsmethode zur Aufklärung der Gottesgestalt anzu' 
wenden, und das Ergebnis war von überraschendem Erfolg. Die 
Gott-Vatcrgestalt trat nun deutlich in den Assoziationsvorstellungen 
der Patientin in Zusammenhang mit der aufgeded^ten Liebes^ 
gestalt hervor. Mit Recht kam somit Dr. Nikoloff zu dem 
Sdilusse, daß Gott und der Teufel die Ambivalenzgestalten ihrer 
tiefsten Grundgefühle, d. h, ihres grundlegenden <Kinder=) Seelen- 
konfliktes, der Liebe und des Hasses zu ihrem Vater, seien. Der 
Teufel symbolisiert gewiß audi ihren Mann <in dem sie wohl auch 
einen Vaterersatz suchte und dann »enttäuscht« wurde, als er ihr 
das Erwünsdite nicht geben konnte!), aber, weiter und tiefer 
gesehen, audi den Haß zu ihrem Vater. Die Psychogenese ihrer 
Krankheit lag gewiß im geistigen Mutterkomplex, aber dann 
taudite bei ihr auf und entwickelte sich rasch audi der psycho= 
logisdi tiefer gelegene erotische Vaterkomplex, der in ihrer Religions- 
stimmung zur Äußerung kam, wobei wieder das Gegengefühf, ver- 
kompliziert durch die infantile Eifersucht, begründet durch den 
Mutterkomplex (Quälen der Mutter durdi den Vater und ihre 
Identifikation mit der Mutter) und auch durdi die starke Abneigung 
gegen ihren Mann (ein mißlungener Vaterersatz, d, i, der Teufel, 
mit anderen Worten der Gegensatz zum Vater, zum Gotte), sidi 
in der Teufelsgestalt symbolisierte. 



Zur Frage der p-syAdosisAcn GrundlaRc. tind d.,s Ursprun^rs der Rdi^i^T li 

_ ^"'^'■^3^'" Palletritt die neurotisdie Symbolisierung des Vaters 

.n der Gottesgestalt nadi der vodendeten PsyAoanalyse besonders 
drasfsdi hervor, aber ist es denn nidit ebenso bei all den anderen 
obcnangefuhrten Beispielen and Fällen - bei den „eurocisAen 
Mond,en und Nonnen, bei den heiligen Brüdern und SAwestern 
be, dem uns bekannten Psycboneurotiker D., bei den ZürAe 
nsassen des .Burgholzlic und zuleut bei den frommen Seelen von 

wußte Streben und d.e erotisd,e, respektive psyAisAe Sehnsudu 
nad. den Elten^gestalten im Bewußtsein und in der Projektion dt 
Neurot,ker S.A ,n spezif.sd,e .religiöse. Gestalten kleidet, in ve " 

ttj^n^ T- ''* f^'^'""''''' ""^ ■■" ^-''-'^- Stimmung, 
d.e d.e ReI,g,on .Frömmigkeit, heifit, klar zum Ausdrude kommt' 

.- A nT """ !^ Psyi'oanalyse auf Grund anderer neuroi 
ttk^t -^Überzeugung kam, hier spiegle si* das uralte 
symbohsdie mythologisdie Denken und Fühlen wider, dürfen ^ir 
dann n.dit ebenso den notwendigen Sdiluß ziehen, in den oben- 
erwähnten Fällen der Psydioneurose spiegle sich die ganze Religions^ 
psydiologie der Zeit des Christentums und noch des ganzen Mittel- 
alters wider, die die zivilisierte Mensdiheit damals beherrsdite? Daß 
mit anderen Worten, auA die infantile Sozialpsydiologie ehemals in 
derOestali des Gottes die Vatergestalt, projiziert auf das Universum 
und das gesamte Leben, wiedergab und nodi immer wiedergibt? 

Die Veräditer der Soziologie äußern mandimal die Ansidir, 
die Sdiwädie der Sozialwissensdiaften bestehe darin, dafi bei der 
Erforsdiung des Gesellsdiaftslebens die experimentelle und analy- 
tisdie Methode nidit anzuwenden sei. Freuds Psydioanalyse und 
die Entdedtung des biogenetisdien Grundgesetzes haben aber audi 
diese früher unumstößlidie Formel zusdianden gemadit. ^^7ir bc= 
sitzen nun feste Stützpunkte, um einen tiefen Einblidt auA in die 
Psydiologie der GeseJIsdiaft zu gewinnen, und zwar in längst 
verflossenen Zeiten! So eröffnet uns denn die Psydioanalyse aller 
jener neurotisdier Seelen, respektive die Aufdediung der Symbole 
des Gottes-Teufels, Christi, der Muitergottes usw. bei ihnen audi 
das Geheimnis derselben Symbole in der Psydiologie der urdiristlidien 
und nodi der ganzen mittelalterlidien Gesellsdiaft bis zu den Resten 
der Religio nspsydiologie in unseren Zeiten. 

Irfi habe in meinen Ausführungen versudit zu demon- 
strieren, wie weit die Anwendung psydioanalytisdier Prinzipien 



65 



Dr. Johann Kinkel 




und Methoden, die mit so grofiem Erfolge zur Enthüllung der 
tiefsten und sonst unbegreifhdien Geheimnisse in der Individual- 
psyAoIogie benützt wurden, audi in der Sozialpüydiologie den- 
selben Erfolg haben kann, besonders dann, -venn es heißt, mit 
dem Liditc des Verstandes jenes dunkelste und geheimnisvollste 
Gebiet des mensdilidien Geistes zu beleuditen, das Religion und 
Religionsstimniungen heißt. Wie weit es mir gelungen ist, das 
Religionsproblem mit der psydioanalytisdieii Methode zu lösen, 
mögen Sic selbst beurteilen. Es bleibt aber sidier, daß dieses 
geistige Gebiet, die Religion, die nadi dem Geständnis der 
maßgebendsten Religionsphilosophen in den tiefsten und er- 
habensten Gebieten der mensdilidien Seele nistet, lediglidi mit 
Hilfe derjenigen Psydiologie von dort herausgesdiälr, an das Tages» 
Üdit der Wissensdiaft gebradit und ersdiöpfend analysiert, d. h. 
reaUpsydiisdi erklärt werden kann, die mit ihren Grundprinzipien 
sdion vielfadi in andere verborgene Geheimnisse der mensdi« 
lidien Seele eingedrungen war, vor denen die alte Psydiologie 
und Psydiiatrie sidi sdieu zurüdtzog, indem sie von »Degene* 
ration«, »Irrsinn«, »erblicher Belastung durdi Alkoholismus, 
Syphilis« und ähnlidiem spradi. Für diejenige Psydiologie aber, 
die sich zum Ziele setzte und der es gelungen ist, das Unbe- 
wußte in der mensdilidien Seele zu belcuditen und zu erklären, 
gibt es dort keine verborgenen Geheimnisse, nidits »Absolutes« 
und »Unergründctes«, wie die Sdiolastik des phÜosophisdien 
Idealismus vermeint, und folglidi wird es audi keine Geheim- 
nisse in der Sozialpsydiologie geben! ' 

Indem idi nodi zum Sdilusse kurz die Folgerung aus den in 
meinem Vortrage auseinandergesetzten Problemen ziehen mödite, 
will idi erwähnen, daß die psydioanalytisdie Lehre in der Sozio- 
logie die Religion in ihren versdiiedenen gesdiiditlidien Formen, 
die bei der Mensdiheit zum Vorsdiein kamen, von den primitivsten 
Äußerungen des Totemismus und Fetisdiismus, dann Symbolismus« 
Polytheismus bis zum Christentum, als gewisse psydiisdie Zustände 
und Stimmungen der mensdilidien Gesellsdiaff, respektive der 
Me nsdiheit, auf gewissen Stufen oder in einem gewissen Alter ihrer 

^^ Wir hoffen, diese Walirlieit audi in bezu^ auf das Problem der 
iithik m einer neuen Studie, an der der Verfasser dieser Sdirift gefrenwärtii: 
arbeitet, nadiweisen zu können. Der Titel lauiet: .Ethik und Religion in ihrem 
Segensemgen Zusammenhang und Verhältnis vom Standpunkt der psydio- 
analytisdien Soziologie«. 



■ t 



£ur Frage der psydi oiogi sdien Grundlagen und des Urs prungs der Religion 67 

geisrigen Entwidlung, die mehrere Jahrtausende umfaßt, betrachtet. 
In diesen mannigfaltigen geistigen Zuständen und Stimmungen 
sieht jedodi die Psydioanalyse ein gemeinsames Grundprinzip und 
eine gemeinsame Grundlage: den Infantilismus der mensch= 
liehen Psychologie^ in seinen versdiiedenen Entwidtlungsstufen, 
die denjenigen zlemlidi genau entspredien, weldie audi die Indivi^ 
dualpsyrfiologie im Kindesalter auszeirfinen. Das grundlegende 
psychologische Motiv aller Religionen und Religionsstimmungen 
vom Fetisdiismus an war zweifellos das Gefühl der absoluten 
Abhängigkeit von den großen Gesetzen der Natur bei dem 
Mensdien, bei vollem Unverständnis derselben und vollständiger 
Hilflosigkeit gegen ihre Aktionen und Äußerungen. So Emp= 
fängnis, Geburt, Leben, Tod <besonders !>, dann alle Natura 
ersdieinungen, die auf den Mensdien direkt oder indirekt einwirken 
und von denen er abhängt, wie Fruditbarkeil des Bodens, Regen, 
Donner, Blitz usw, Bei starker Erhöhung dieses Abhäng!gkeits= 
gefühls, respektive bei Furdit, bei dem Gefühl der persönlidien 
Wenigkeif, der vollen Unbehoifenheit und Niditigkeit gegenüber 
den Naturkräften und der für das Vors teil ungs vermögen unfaßbaren 
Ewigkeit und dem Universum, das besonders klar bei primitiven 
und unkultivierten Völkern hervortritt <bei voller Unkenntnis der 
Naturkräfte und =gesetze), jedodi als ein elementares Gefühl audi 
bei dem mo dernen Kulturmensdien zurüdigeblieben ist, flieht die 

'Vgl. zu dieser grundlegenden psydioanalytisdien Fonnel die Offen- 
barung Christi im Evangelium Malthäi, Kap. 18 Vers 1-5- »Und d'p I" 

also; .Wisset es, wenn Ihr Euch nicht umvrandeh u„d „ichT zu 
Kindern werdet, kommt Ihr nicht in das Himmelreich Wer sidi also 
selbst demütigt und so sdieu und ergeben wie dieses Kind sein wird soll audi 
m. Himmelreidie am hödisten gestellr sein. Und wer ein soIAes Kind'in meinem 
Namen annmimt, nimmt Mich an'«. Mit Redit verweist deshalb audi der tcf" 
s^inniRC deutsdie Religionsphilosoph und Theologe Harnadi, der das Relitrions= 
gefuhl lange vor dem Ersdieinen der psydioanalytisdien Lehre analysierte und 
diarakterisierte <1S92>, auf folgende bezeidinende Momente in der Relicions- 
psydiologie: »Wenn sogar in den mensdilidien Beziehungen der MensdT nidit 
anders auf eine höhere Geistesstufe gelangen kann, als wenn er sidi in einer 
anderen reiferen, bedeutenderen und autoritären Persönlidikeii auflöst d h mit 
ihr in einen geistigen Verkehr eintritt und sidi ihr mit Ehrfurdit Liebe' und 
Vertrauen anschließt <!), So gilt dasselbe, wenn audi unermelilidi' höher und 
mehr von der Erhebung des Mensdien aus der Sphäre der Sünde und Sdiuld in 
die Sphäre Gottes. Hier helfen keine dinglidicn Mitteilungen, sondern nur die 
Gemeinsdiaft von Person zu Person. Daß die mensdilidie Seele in ihm aufgehe 
daß. der heilige Gott, der Himmel und Erde regiert, ihr Vater werde mit 
dem sie leben kann und darf, so wie das Kind im Vaterhaus* <M 
SperrsArift.) Vgl. Harnaclt, Dogmengesdiidite, Bd. iJl, S. 529. 



eine 



5» 



6S 



Dr. Johann Kinkel 



( 



Psychik des Menschen zurück zu den infantilen Vorstellungen 
und Stimmungen und findet dort in der Tiefe der Seele den 
Eltern komplex, besonders aber den Valerkomplex <SymboI der 
Güte, Madit, Versorgung, des Beistandes und der Nadisidit), und 
dann kommen die respektiven Gestalten, Gefühle und Stimmungen 
zum Ausbrudi, ersetzen die reale Psydiologie und äußern sidi in 
dem, was man Religionsgefühl und Frömmigkeit nennt. Deshalb 
treffen wir eben durdiwegs in allen oberen Gottesgestalten und 
Geistern, von den totemistisdien und fetisdiistlsdien beginnend, 
sowie später zur Zeit des Polytheismus, bei seiner Evolution zum 
Monotheismus, in den Gestalten von Ammon, Bei, Assur, Ahura--' 
Mazda, Jahwe, Heus, Jupiter, Odin, Ormuzd, Tian, Allah, 
Brahma usw., die in der Religionsphantasie versdiiedener alt= 
orientalisdier und europäisier Völker gesdiaffen wurden, zu= 
allererst die versdileierte und besdiränkte Gestalt des Familien^ 
vatcr.s, Großvaters oder Urahnen, und später, nadi weiterem 
geistigen Fortsdiritt die deutfidi zum Ausdrudi kommende und 
mit grellen Farben gezeidinete Gestalt des ewigen Wclt^ 
Vaters, umgeben von der typisdi=infantilen Ehrfurdit und allen 
übrigen auf die Vatergestalt gcriditeten kindlidien Trieben. Zu= 
letzt fand dann diese Vatergestalt ihren klarsten, vollkommensten, 
vollsten und ideellsten Ausdrudi in dem diristlidien Gotte. Eine 
soidie psydioIogisd»e Reaktion sdiafFt im Bewußtsein und dem 
Gefühle des Mensdien ein gewisses, künstlidi hervorgebradites, 
phantastisches Verhältnis zwisdien dem Individuum und den 
Naturmäditcn, die ihm sonst blind, unbarmherzig und mitleidlos 
ersdieinen, und zwar nadi dem Bilde des Kinder=E!tern=Verhält= 
nisses, und das eben gibt eine Erleiditerung, eine Beruhigung 
und einen Trost. Darin liegt die Madit der Religion, besonders 
bei Rüdcständigkeit des wissen sdiaftlidien Denkens in der Gesell^ 
sdiaft und bei infantilen Zügen in der Psydiologie des Mensdien. 
Aber audi jetzt nodi kehren mandie Gelehrte, wie Spencer, zum 
Teil audi Haediel, unbewußt zu den infantilen Vorstellungen von 
Gott dem Sdiöpfer und Leiter der ganzen Welt, in der Form 
etwa der versdileierten Gestalt des »Unerkennbaren«, der ewigen 
Energie, die als Gott bezeidinet wird, usw. zurüdi. 

In diesem allgemein^historisdien Sinne reden wir von dem 
»Vaterkomplex« bei dem heurigen Glauben und den heutzu- 
tage herrsdienden Vorstellungen von Gott, Bei dem modernen 



J" 



Zur Frage der psydiologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 69 



Mensdien, der religiös gestimmt ist, ist die Gottesgestalr niAr nur 
der pcrsönlidie Vaterkomplex, der (ediglidi eine persönlidie Prä= 
disponibilitär zu Reltgionsstimmungen hervorbringt, wie das bei 
den frommen Seelen von James und audi vielen Neurotikern der 
Fall ist, sondern hauptsädilidi der durdi Jahrtausende in der 
Mensdienseele vererbte, historisdie und sozialpsychologische 
Vaterkomplcx. Dieser letzte ist es, der durth Jahrtausende der 
mensdilidien Geisteskultur sidi auf dem Wege der oben kurz 
skizzierten Evolution <d. h. Erweiterung der Vatergestalt) fort- 
entwidielte, wozu dann nodi weitere 2000 Jahre sozialpsydio- 
logisdier Erbsdiaft von der eingeprägten Gestalt des diristlidien 
Gottes, d, i, des universalen Vaters, hinzuzuredinen wären! 
Der persönlidie Vaterkomplex in der Psydiobgie des Individuums 
ergänzt, respektive bringt zum Ausdrudi diese mäditige und 
ungeheure psydiisdie Erbsdiaft, die auf der Psydiologie des 
heutigen Kulturmensdien nodi immer sdiwer lastet, und deshalb 
eben kommt audi heute nodi die Regression zu diesem mäditigen 
Geisteskomplex, der in der Seele des Mensdien verborgen ruht, 
bei versdiiedenen sdiwcren Gcisteskonüikten so oft vor. Drei 
große Weltansdiauungen, drei große psydiisdie Systeme der 
Weltauffassung hat die Mensdiheit im Laufe ihrer Geistes= und 
Kukurentwidtlung, die darin als aufeinanderfolgende Schichten 
historisdi aufgebaut sind, hervorgebradit; die animistisdie <magisdi- 
mytiiologisdie), die religiöse und die wissensdiaftlidie. 

Den psydiologisdien Inhalt der ersten, der animistisdi-onagisdien, 
hat Prof. Freud ersdiöpfend in »Totem und Tabu« aufgededd und 
dargestellt. Die primitive Mensdienseele analysierend, hat er darauf 
verwiesen, daß die primitiven Mensdien durch Projektion innerer 
Wahrnehmungen und dunkler Triebe nacfi"ä'ullen ein~KiTtt 
der AuHenweTt entwidcelt haben, weldies wir nun "rriTT erstarkter 
Bewußtseinswahrnehmung in Psydiologie zurüdübersetzen müssen. 
Auf Grund der Psydioanalyse von Elementen audi der modernen 
Individualpsydiologie kam Freud zu dem Sdilusse, daß die Projektion 
innerer Wahrnehmungen nadi außen überhaupt ein primitiver 
Geites^Mcdianismus ist, dem audi heute nodi vielfadi unsere 
Sinneswahrnehmungeri u'nterliegen, der also an der Gestaltung 
unserer Außenwelt normalerweise den größten Anteil hat. Für 
die primitive Mensdienpsydie ist es nun ein absolutes Gesetz, 
ihr WcsfTi, daß innere Wahrnehmungen von Gefühls- und Denk« 



r 



I 



y 



™ Dr. Johann Kinkel 




X 



vorgangen, wie audi die Sinneswahrnehmungen nacfi außen 
projaiert, zur Ausgestaltung der Außenwelt verwendet werden, 
wahrend sie beim modernen Mensdien der Innenwelt verbleiben 
-Somit war au* die gesamte Weltansdiauung, die zuerst den 
Mensdien gelang - die des Animismus - eine rein <innen^^> 
psydiologisdie. Der Animismus war dem primitiven Mensdien 
ebenso natürlid, und selbstgewili, wie dem späteren die religiöse 
Weltauffassung, wie dem modernen die wissensdiaftlidie ■ der 
pnmnive Mensd, wußte, wie die Dinge der Welt sind, nämlidi 
so, wie der MensA sidi selbst verspürte, d. i, Strukturverhältnisse 
seiner eigenen Psydie in die Außenwelt verlegte, indem er sie 
durdi endopsydiisdie Wahrnehmungen erkannte. Ganz besonders 
ist es dann Freud gelungen, im einzelnen narfizuweisen, daß z B 
die Tedmik des Animismus, die Magie, mit Hilfe deren der primitive 
Mensd, die Welt zu beherrsdien und gemäß seinen Wünsdien 
2u leiten hoÜFte, am deutlidisten und unvermisdi testen die Absidit 
zeigte, den realen Dingen die Gesetze des Seelenlebens aufzu- 
zwingen, und daß die Geister und Dämonen <ebenso wie im 
Grunde genommen die gesamte Mythologie!) nidits'VndeFes-als'- 
die Projektionen seiner Gefühlsregungen seien, indem der Mensdi 
seme Affektbesetzungen, Seelenerlebnisse und Konflikte 2U Personen 
und ganzen Weltgesdiiditen ausspinnt, Er bevölkert mit ihnen die 
Welt und findet nun seine inneren seelisdien Vorgänge außerhalb 
des eigenen Idi wieder, ganz ähnlich wie der geistreiche 
Paranoiker Schreber (siehe die Autobiographie: .Denk= 
Würdigkeiten eines Geisteskranken« 1903>, der die Bin= 
düngen und Lösungen seiner Libido in den Schicksalen 

dervonihmkombinierten*Gottesstrahlen«gespiegeItfand^ 
Ganz besonders hat dieser letzte geniale Gedanke Freuds 
näher entwidelt in seinen *Psyd»oanalytisdien Bemerkungen über 
einen Fall von Paranoia« Jahrb. III. Bd. 1911, die Grundlage für 
die Auffassung gegeben, daß der Krankheitsprozeß der Paranoia 
sidi tatsädilid. des Mechanismus der Projektion bedient, um 
im Seelenleben entstandene Konflikte zu erledigen. Die Nadifolger 
Freuds und er selbst konnten dann auf dieser Grundlage fußend 
endgültig den Begriff der psychischen Regression bei der 
Neurose formulieren und an Hand weiterer Untersuchungen 
nadiweisen, daß die Psydiologie der Neurotiker tatsädilidi zu dem 
' Vgl. daiu: Freud, Totem und Tabu, 2. Aufl. 1920. S. S7f„ 121 fF. 



1 



Zur Frage der psydiologisdien Grun dlagen uncf des Ursprungs der Religion 71 

psychischen Medianismus, den Denk- und Gefühlsformen des 
primitiven Mensdien zurüdtkehre, Psydioanalytisdie Fofsdiungen 
der Künstlerpsydiologic und Werke der Kunst haben dann weiter 
aufgededtr, daß den Projektionssdiöpfungen des primitiven Mensdien 
und Neurotikers die Personifikationen nahestehen, durdi welche der 
Künstler die in ihm ringenden entgegengesetzten Triebregungen als 
gesonderte Individuen aus sich herausstellt. 

Das Ergebnis der in diesem Aufsatz vorgebradiien historisdien 
und psydioanalytisdien Ausführungen über das Wesen und den 
Ursprung der Religion soll in dem Nadiweis hegen, daß audi das 
zweite und nädiste, von der Mensdiheit nadi dem Animismus 
hcrvorgebradite psydiische (nidit nur Denk=> System der Welt= 
auffassung psychologisdi wesendich dasselbe ist. Im Grunde ge- 
nommen ist audi die religiöse Weltansdiauung nidits anderes als 
Projektion innerer Wahrnehmungen, respektive unbewußter infan- 
tifer Gefühle, Triebe und Auffassungen nadi außen. Wir haben 
am Anfang dieser Arbeit ganz besonders darauf verwiesen, daß 
gerade die infantile Psydiologie alle die Züge des von Freud 
oben dargelegten primitiven Geistesmedianismus aufweist und daß 
eben in dieser Beziehung die Religionspsydiologie eine auffallende 
Übereinstimmung mit der infantilen Psydiologie zeigt. Es ist klar, 
daß audi das Wesen der Religion und religiösen Weltansdiauung 
im letzten Grunde ein primitiver Denk» und Gefühlsmedianismus 
ist und wenn die Religionsphilosophie mit Redit die Religion, 
respektive religiöse Seelenregungen, als einen tief in der Seele 
liegenden Komplex von Gefühlen und Stimmungen bezeidinet, so 
ist das psydioanalytisdi dahin zu erläutern, daß infantile Gefühle, 
Stimmungen, Regungen und audi Konflikte in den Himmel und 
auf das Universum (respektive das Gott-Mensdihcitsverhältnis> 
projiziert werden, Auf dem Begriffe und der Lehre von der 
psydiisdien Regression bei der Neurose fußend, konnten wir 
sdilieÖlidi diese Auffassung durdi Psydioanalyse der Paranoia 
religiosa bestätigen. 

Wesentlich sind also Animismus <Magie>-Mylhologie und 
Religion dasselbe, lediglidi inhalllidi sind sie vcrsdiieden. Die 
Religion war aber doch ein Fortsdiritt zum wissen sdiaftlichen 
Denksystem und ebensoldier Weltauffassung, insofern in ihrem 
vollkommensten System, dem Christentum, audi dem Mohamme^ 
danismus zum Teil, bereits starke und zahlreidie Elemente des 



7Z Dr. (ohann Kinkel 



wissensdiaftlithen psydiisdien Systems enthalten sind. Der im 
Animismus absolut herrsdiende Subjektivismus aller Auffassungen 
madit hier vielfach Platz objektiven rationalistischen Erwägungen 
über das Wesen der Welt und das Leben im Universum, wenn 
auch auf infaniil=psycho(ogischen Auffassungen aufgebaut. Das 
Überwuchern der Gefijhlsmoniente und Triebe im Animismus 
sdiwindet in der Religion oft zugunsten begrifflicher, intellektueller 
und objektiver <WeIt>auffassungen. Es würde nicht stiiwer sein, 
nachzuweisen, daß die ersten Prinzipien, ja die ganze Gestalt 
primitiver wisse nschaft lieber Denksysteme nocb eng mit 
diesen von der Religion ausgearbeiteten Elementen und Zügen 
verknüpft sind <so heute nocfi Monotheismus und Monismus, 
respektive Einheit des Denkens in methodologisdicr Beziehung). 
Man könnte sagen: das wissenschaftlidie Denken entsteht und 
schreitet vorwärts, indem es die menschliche Psyche bei ilirem 
Streben, die Welt aufzufassen, allmählich von der Sdiladce sub=' 
jektiver Gefühlsregungen und Triebe befreit, und das ist 
eigemlich der tiefe Sinn des Schreitens des menschlichen Geistes 
durdi die drei psychischen Systeme der Weltauffassung, von 
denen Freud sprach. Jedes von ihnen ist sozusagen objektiver 
als das vorhergehende. Im Wissens diaftlidien Denksystem selbst 
war es im 19. Jahrhundert ein Darwin, der den Subjektivismus 
der Auffassung des Menschenprivilegs in der ■>Welisdiöpfungfi 
und der ethischen Auffassungen des Lebensprozesses <tief ein« 
gewurzelt in der Wissenschaft als Erbsciiaft alter religiöser Auf= 
fassungen) endgültig ausmerzte^ und zu Beginn des 20. Jahr-- 
hunderts ist es ein Einstein, der den Subjektivismus der Auf= 
Fassungen »Raum und Zeit«, »Maß und Gewicht« endgültig 
durdi seine Relativitätstheorie feststellt. Das Nähere in dieser 
psychoanalytischen Theorie, wie die gesamte geistige Entwidtlung 
der Menschheit immer weiter, und zwar von Anfang an in der 
Riditung des »Objektivismus« und der Befreiung vom »Sub^ 
jekttvismus« sich fortbewegt, gehört indessen sdion einer anderen 
Arbeit an. ■■ 



• Darwin und später Haetkel erkämpfien der Wissenschaft die Loslösung 
von dem uralten religiösen Begriff der Welt" und Mensdiensdiöpfung, beruhend, 
wie oben gezeigt, auf dem ebenso uralten Vaterkomplex, und objektivierten 
die Aufl^assuns über das Leben und seine Entstehung im Sinne der biologisdien 
Bvoluiion. 



Zur Frage der psyifcologisdien Grundlagen und des Ursprungs der Religion 73 



Somit kommen wir zu der Schlußfolgerung, daß sämtliche 
gcsellsdiaftliche Reiigionsäußcrungen infantile sozialpsychologisdie 
Erscheinungen des infantilen Zeitalters der geistigen Entwidlung 
bei den Kulturvölkern, respektive der ganzen Kulturmensdiheit 
sind. Dieses Zeitalter kam im 17. Jahrhundert zur Neige. Im großen 
und ganzen begann die Kulturmenschheit, die westeuropäischen 
Völker voran, sdion nach dem Dreißigjährigen Kriege, Mitte des 
17. Jahrhunderts, die Reiigionspsydiologie langsam zu verdrängen, 
nachdem sie sich in dem letzten Zeitalter des religiösen <geistigen> 
Infantilismus, d. i. im Mittelalter, in ungeheurem Umfange ent= 
wickelt hatte und in dem gesamten geistigen Leben der Mensdi= 
heit vorherrschend war. Dieser Prozeß der allmählichen Verdrän- 
gung setzte sich im IS. Jahrhundert fort und war ganz besonders 
rasch im 19. Jahrhundert vorgeschritten und diese Tatsache kam 
zum Ausdruck in dem starken Verfall des Einflusses der Kirche, 
der Geistlichkeit und der Religionsliteratur auf das Geistesleben 
und das Bewußtsein der Gesellsdiaft. Religion und Kirche wurden 
bereits im 19. Jahrhundert in West-» und zum Teil auch in Ost- 
europa für breite Gesellsdiaftsschiditen und audi für die Volks« 
massen im besten Falle nidit mehr, als Ausführung formeller 
Kirchengebräuche aus Gründen der »Sitte«, des »Ritus«. Die in 
kultureller und geistiger Beziehung mehr zurüdtgebliebenen slawi- 
schen Völker mit dem russischen Volke an der Spitze zeigten 
bei den Volksmassen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nidit 
selten Züge derjenigen spezifischen Religionspsychologie, die so 
bezeidinend für die westeuropäischen Völker im Mittelalter ge« 
wesen ist. Jedoch hat der alles Alte und Morsche umwälzende 
große Weltkrieg und besonders die russische Revolution auch hier 
eine gewaltige Umwälzung hervorgerufen, eine rasche Verdrängung 
der infantilen Religionspsychologie und den Fortschritt zur ver- 
nünftig-bewußten und besonders kritischen Psychologie bei den 
Volksmassen, was sidi notabene audi auf alle alten sozialen 
Verhältnisse bezieht. Besonders auffallend ist dieser geistige 
Fortschritt bei dem russisrfien Volke. Jeder, der Gelegenheit hatte, 
die Stimmung der Volksmassen in den Jahren 1917 bis 1920 zu 
beobaditen, wird zugeben, daß von dem alten Religionsgeist bei dem 
Volke beinahe nidits geblieben ist, außer dem, was als Rudiment 
bei allen Leuten sidi noch erhalten hat. Die Masse der Bauern und 
Arbeiter ist bestimmt unreligiös und sogar antireligiös geworden, 



74 



Dr. Johann Kinkel 



und zwar ganz urwüchsig. Es sdieiiu <so'S'eit es durdi Befragen 
zu ersehen ist), daß dabei einen starken Einfluß gerade die Er= 
sdieinung des sdireddidien, nadi seinen Verlusten und Entlaus diungen 
für die Mensdiheit unerhörten Weltkrieges ausgeübt hat. Idi per= 
sönlirfi erhielt oft von den ungebildetsten Leuten auf meine Frage 
über Glauben und Religion die typisdie Antwort: »Adi AS-as! 
was für einen Gott soll es da geben, wenn solche SdireAen und 
Bestialitäten in der Welt herrsdien!« - Wahrsdieinlich hat einen 
gewissen psychisdien Einfluß dabei audi die Niederreißung der 
seit unvordenklichen Zeiten bestehenden und mit versdiiedenen 
politisdien infantilen Vorstellungen bei dem Volke sanktionierten 
monardiisdien Gesellsdiaftsordnung <Väterdien »batjusdika« Ear!> 
ausgeübt. Es ist zweifellos, daß der offensiditlidie Eusammenbrudi 
eines Gebietes von infantilen Vorstellungen und Idealen in der 
Seele des Volkes - nämlidi der seit alters her bestandenen väter= 
Ii(ii=nionarchisAen Regierung — audi den Zusammenbruch von 
Religionsinfantihsmen nadi sidi ziehen mußte. 

Somit schreiten auch die slawisdien Völker gegenwärtig rasch 
vorwärts auf dem Wege der Verdrängung der Religionspsydio- 
logie^ wie übrigens sAon lange die westeuropäisdien. Zwar haben 
die wenig zahlreidien religiös-gesinnten Kreise in der westeuro- 
päisdien Geseilsdiaft bestimmt erwartet, daß nadi dem Kriege, 
wenn alles Unglüdc und die sdiweren Folgen desselben für die 
Völker zum Vorsdiein kommen werden, die Volksmassen überall 
»wie früher in der Geschidite« bei sAweren Prüfungen, zur Reli- 
gion und in den Sdioß der Kirdie^ zurückkehren werden. In" 
dessen... ist das nidit erfolgt! - Der Fortschritt von der in- 
fantilen Religionspsydiologie zur vernünftig=bewußten und kritisdien 
Psydiologie geht nadi dem Kriege und allen seinen Prüfungen 
nodi rasdier in ganz Europa vorwärts. Die Volksmassen in allen 
Ländern begeistern sidi ausscfaließlidi für rationelle gesellschaftlich- 
kritisdie Ideen und radikale sozialistische Theorien und grübeln 
intensiv über Probleme der Sozialreform, die ihren Stimmungen 
entsprechen, welche in sich nichts von Religionsinfantilismus ent= 
halten. Und tatsächlidi weist die Kulturgeschichte der Menschheit 
keine Fälle auf, wo die Sozialpsychologie, die bereits en masse 
eine Stufe ihrer geistigen Entwicklung übersdiritten hat, wieder 

' Wir glauben kaum, daß die geistig erwadisene und reife moderne 
Mensdiheit nodi in die Wiege oder den »Sciioß« der Mutier-Kirdie hineinpaßt! 



'■4 



Zur Frage der psydio logischen Grundlagen und des Ursprungs der Religion 75 



auf die vorliergehcnde, in geistiger Beziehung besAränktere Stufe 
zurüdtgekehrt und hier auf immer verblieben wäre, lediglidi unter 
dem Einfluß zeitw^eiliger kritisdier sozialer und Ökonomisdier Ver^ 

hältnisse. 

Es sdieint mir, dafi die Sozialp sydiologie eines größeren 
Teils der Mensdiheit naA dem Wellkriege endgültig die letzte 
infantile Periode in ihrer geistigen Entwidmung überlebt hat, in= 
dem das VersAwinden der Religion spsydiologie bei der modernen 
Kuiturmensdiheit en masse vollständig der Verdrängung des 
geistigen Vater= und Mütterkomplexes, d. i. des Elternkomplexes 
bei dem Erwachsenen entspridit. 

Bezüglidi der oben erwähnten grundlegenden psydilsdien 
Motive des Religionsgefühls, muß idi hervorheben, daß das Ge^ 
fühl der Abhängigkeit von den großen Naturmäditen und -gesctzen 
selbstverständlidi bei dem Mensdien auf immer verbleiben wird, 
in der Zukunft aber wird er darauf nicht mehr auf in^ 
fantile Art und Weise reagieren, d. h. in der Form pban- 
tastisch-sensibler Emotionen und mit Projektion infan= | '^L g 
tiler Gefühle und Gestalten auf diese Mächte und Ge= | * P 

setze. Dies wird dem Mensdien der Zukunft ebenso naiv, pri« 1 * 

mitiv und lädierlidi ersdieinen, wie dem modernen Kulturmensdien 
die Auffassung, die das antike mythologisdie Denken und Fühlen 
auszeidinct. Dann erst wird die Religion endgültig zum Absterben 
kommen. 

Jedodi gilt dasjenige, was ein Gesetz für die Sozialpsydio- 
logie bildet, das Niditzurü dtkehren zu den überlebten Formen 
der Psydiologie, nidit in gleidiem Maße audi für die Psydiologie 
der Einzelindividuen, Das Überleben einer Form der Psydiologie 
und der Übergang zu neuen, höheren und vollkommeneren bildet 
einen langsamen, ganze Jahrhunderte dauernden Geistesprozeß in 
der mensdiiidien Gesellsdiaft. In der Übergangszeit, wenn die 
neue Psydiologie nodi sdiwadi und unbeständig ist, werden einzelne 
Individuen bei komplizierten seelisdien Konflikten, die keine er= 
wünsdite Lösung in der neuen Form der Psydiologie finden 
können, zu den alten infantilen Formen des Denkens und Fühlens, 
die eine primitive Lösung und Befriedigung ergeben', zurüAkehren. 

' Sehr beiddinend ist in dieser Beziehung die intensive Frömmigkeit und 
BetsuAt der russisdien gebildeten Emigrantenkreise, in denen gevissermaßen 
ihr Bewui^tsein über das Verzweifelte ihrer Lage in Anbetratht der sozialen 



^ 



75 Dr. Johann Kinkel 



SelbstverständliA sind soldie Einzelfälle im Sinne der Rüd<kehr 

zur Religloiispsydiologie audi heute nodi genug zahlreidi. Idi ver= 

wies oben nur auf die am meisten typisdien Fälle, ^oU wissend, 

daß es außer diesen nodi viele andere gibt, deren psydiologisdier 

Medianismus jedodi derselbe ist. Es gibt außerdem audi viele 

sehr intelligente Leute, darunter Gelehrte, die doA in ihrer Psydio= 

logie den Religionsinfantilismus bewahren. All das beweist ledig- 

lidi, daß diejenige Psychologie, die in der Mensdienseele ganze 

Jahrtausende geherrsdit, dort nodi sehr viele und starke Rudimente 

hinterlassen hat. Keiner von uns, audi unter den am meisten 

rationalistisdi gestimmten Geistern, ist davor bewahrt, bei einem 

starken Seelenkonflikt oder Trauma zum Religionsinfan tili smus 

zurüdtzukehren. Bei aller Madit unserer Vernunft sind wir dodi 

ohnmäditig gegen die großen Gesetze der Psydiologie, die in den 

Tiefen unserer Seele verborgen sind und unseren Geist von dort 

regieren. Wir können sie zwar begreifen und feststellen, aber nidit 

ganz bebe rrs dien. 

und psyrfiologisdien Umwälzungen bei dem Vollte in ihrem Vaterland lum 
Vorsdiein kommt, Nidit minder bezeidinend im Sinne der Regression ist das 
fSudien nadi einer neuen Religion« in einigen sozialisiisdicn Kreisen des ver- 
zvceifelten und tief- mißgestimmter deulsdien Voikes. Das sdieitit für dieSozial- 
psydiologie unserer Seit noch eine redit häufige Ersdieinung zu sein. Ist man 
in der Wirklidikeit stark enttäuscht, so madit man sidi auf den Weg zum 
SuAen nai einem neuen Gott. — Quo vadis, sapienlia? 




BudidniAerei Carl Fromme, G. m. b. H-, Wien V 



'■1